Nachbildung: Labyrinth in der Kathedrale von Chartres

Elke Reese gibt Bildern eine Sprache: Die Pastorin im Ruhestand aus München hat etliche geistliche Betrachtungen zu Kunstwerken verfasst, darunter Holzschnitte von Edvard Munch, Gerhard Marcks oder Ernst Barlach und Zeichnungen von Pablo Picasso oder Roland Peter Litzenburger. Jeder Text ist ein Kleinod, eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk. Die Gedanken eignen sich zum Beispiel für die Veröffentlichung in Gemeindebriefen. Das Fachgebiet Kunst und Kultur des Hauses Kirchlicher Dienste stellt 42 Bildbetrachtungen von Elke Reese auf Anfrage und in Rücksprache mit der Autorin zur Verfügung. Als Leseprobe finden sie im Folgenden einen Text zu einem weltbekannten Werk: Dem Labyrinth in der Kathedrale von Chartres. Elke Reese hat diese Betrachtung aus Anlass des Jahreswechsels verfasst:  

"Dieses Labyrinth fesselt mich, seit ich es kenne. Es ist ein altes Sinnbild für das menschliche Leben und wohl auch für jedes neue Jahr. Makellos gerundet liegt es vor uns. Aber die klare äußere Gestalt täuscht hinweg über die verwickelten Wege, dir wir durchschreiten müssen, um ans Ziel zu gelangen, so wie die Daten 1. Januar bis 31. Dezember über den Inhalt eines Jahres nichts verraten und doch alles umfassen.
Wir haben, während wir noch außen stehen, wohl eine Ahnung davon, dass manches schwierig werden kann, das macht die Gottesdienste um die Jahreswende so feierlich. Haben wir das Labyrinth aber erst einmal betreten, so können wir nur Schritt um Schritt tun, ohne das Ganze zu überblicken, vielleicht nehmen wir das Ziel auch erst zuletzt wahr, ja, während wir die Wege durchlaufen, entfernen wir uns scheinbar immer wieder davon und geraten in weiter außen liegende Bezirke - und dennoch werden wir anlangen. Manch einem Leben ist wohl auch so ein Kreuz eingezeichnet wie diesem Labyrinth. Aber hinter unseren vielen, hinter allen labyrinthisch verschlungenen Pfaden tut sich zuletzt die Mitte auf, das Ziel, das hier nur angedeutet ist in seinem blütenähnlichen Umriss. Nennen wir es: Ankunft bei Gott.
In der Kathedrale wurde im Mittelalter ein seltsames Spiel aufgeführt: Am Ostermorgen betrat der Bischof mit dem Klerus das Labyrinth im Tanzschritt, und dabei warfen sie sich einen goldenen Ball zu: Das Sinnbild der Ostersonne wie des siegreichen Christus über dem Labyrinth unseres Lebens."
E.R.

Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers - Archivstr. 3 - 30169 Hannover