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Doch das ist nur die eine Seite des Umgangs mit dem Stein. Dem elementaren Ausdruck des Materials hat er die Verfeinerung entge-gengesetzt. Neben die roh belassenen Bruchflächen setzt der Bildhauer häufig unter-schiedlich geschliffene und polierte Partien. In der überlegten Komposition der Kontraste schafft er ein Bild der Mannigfaltigkeit, das die Verwandlung von Natur und Kunst und damit den Prozeß vom Amorphen zum Gestalteten thematisiert.“
Ein solcher Stein von Ulrich Rückriem, ein Granit Bleu de Vire aus der Normandie, steht im Innenhof („Paradies“) des Ev. Kirchenzentrums Kronsberg in Hannover. Das Ev. Kirchenzentrum Kronsberg, zur EXPO 2000 unmittelbar am Stadtteilplatz errichtet, bildet den kirchlichen Bezugspunkt im Neubaugebiet Kronsberg. Dieses war im Blick auf seine besondere ökologische, stadt- und landschaftsarchitektonische Bau-weise ein EXPO-nat und wird bei kontinuierlichem Zuzug derzeit von fast 7.000 Menschen (geplant: 10.000) bewohnt.
Im Ev. Kirchenzentrum Kronsberg sind 12 unterschiedliche Sozial-, 3 Behinderten- und 6 Eigentumswohnungen mit Kirch- bzw. Gemeinderäumen (einschließlich Pfarr- und Küsterwohnung) verbunden. Die von Prof. Bernhard Hirche (Hamburg) entworfene Gesamtanlage folgt dem Grundriß eines mittelalterlichen Klosters in fast zisterziensischer Schlichtheit. Die Kirche, im Altarbereich von Jochem Poensgen dezent ausgestaltet mit transluzenten farbigen Fenstern, von denen eines bei entsprechendem Sonnenstand als wanderndes Lichtspiel auf der Altarwand hinter dem geradezu archaisch anmutenden Altar mit Taufbecken erscheint, hat drei Glaswände. Eine davon öffnet den Blick in den Innenhof auf den Stein von Ulrich Rückriem.
Der Rückriem-Stein, sowohl frei zugänglich wie vom verglasten Kreuzgang aus zu betrachten, stellt eine Verbindung zum Thema der EXPO 2000 her: Mensch-Natur-Technik. Seine Rückseite ist naturbelassen, seine Vorder- und Seitenflächen sind bearbeitet, wie Heinrich Klotz es beschrieben hat. Naturgemäß hat der Künstler keine Deutungsvorgabe gemacht. Aber als Teil des gärtnerisch gestalteten Innenhofs und aufgrund seiner Sichtnähe zum Kirchenraum verstehen wir diesen Stein als Zeichen, dass der Mensch die Natur bearbeitet, sich ihrer aber nicht wirklich bemächtigen kann, sondern die Natur eine eigene unverfügbare Würde und Mächtigkeit hat. In der Tat hat der Rückriem-Stein, der sich bruchlos in die Strenge der Architektur einfügt, etwas unverwechselbar Majestätisches. In dieser Deutungsperspektive versteht es sich von selbst, dass er ein wichtiges homiletisches und liturgisches Element der besonders gestalteten Gottesdienste (Kronsberger Abendkirche jeden Sonntag um 18.00 Uhr) darstellt, zumal er mit der Wasserquelle außen und dem Altar innen ein gleichseitiges Dreieck bildet. Diese Konstellation macht deutlich, dass der Mensch, der als Natur die Natur wie ein kreativer Zerstörer verändert, immer wieder neu den Weg zurück zu den Lebensquellen finden muß: zu einer Spiritualität mit und jenseits menschlicher Aktivität.
Im Verein mit der dem Rückriem-Stein gegenüberliegenden Wasserquelle und dem auf ihn ausgerichteten Wasserlauf, der wenige Meter vor ihm in ein Wasserbecken mündet, ist er Blick-, Ruhe- und Ausgangspunkt bei unterschiedlichsten Gelegenheiten. So ist er u. a. Meditationsort und -anlaß sowie Start- und Zielpunkt kleinerer Begehungen, bei Festen im Innenhof wird er angestrahlt, bei Konfirmationen dient er als Hintergrund für das Gruppenfoto, in wohl dosierten Abständen wird in der Predigt auf ihn Bezug genommen, für die Bilderausstellungen im Kreuzgang und die Kunst im Kirchenraum ist er korrespondierendes Pendant.
Als wichtiger Teil des architektonisch-ästhetischen Gesamtkonzepts wurde der 17 Tonnen schwere Rückriem-Stein im Zuge der Errichtung des Ev. Kirchenzentrums aufgestellt. Die Anschaffungs- und Aufstellungskosten beliefen sich auf ca. 110.000 Euro. Davon wurden ca. 75.000 Euro durch Sponsoring, private Einzelspenden und dank der Unterstützung der Hanns-Lilje-Stiftung aufgebracht, der Rest aus für Kunst reservierten sowie eingesparten Baumitteln. Die Unterstützung kirchenleitender Personen und Organe war groß. Widerstände gab es allerdings bei gewählten (ehrenamtlich) Verantwortlichen auf der Ebene des Stadtkirchenverbandes Hannover und der St. Johannisgemeinde Bemerode, die sich für einen Brunnen und z. T. vehement gegen einen („heidnischen“) Stein aussprachen.
Freilich steht schon in früher biblischer Tradition die Steinstele für eine unerwartete und überwältigende Gottesbegegnung: Jakob errichtet ein Steinmal in Beth-El (1. Mose 28,18). In der - noch heute gelegentlich aufflackernden - Kontroverse um den Rückriem-Stein wurde Widersprüchliches, doch für den Protestantismus möglicherweise Typisches deutlich: Einerseits wird das „Bilderverbot“ durchaus respektiert, was sich z. B. in der Begeisterung für die Kirchenmusik als klassischem Ausdruck protestantischer Kunst zeigt. Andererseits gilt vielen nur solche Kunst als kirchlich akzeptabel, die fern aller Abstraktion, Reduktion und Elementarisierung umstandslos erkennbare und deutbare Bilder - meist als für zeitlos gehaltene Abbildung biblischer Ge-schichten und Gestalten - bietet. So regt der Rückriem-Stein zur Rückfrage nach den anthropologischen und theologischen Wurzeln von Kunst überhaupt an: nach dem „Bild“ (Gemälde, Skulptur, Klang), das im Abbilden der Abgötterei widersteht.
Hans Joachim Schliep
Pastor am Ev. Kirchenzentrum Kronsberg
Sticksfeld 6, 30539 Hannover
T+F: 0511 / 52 75 99
E-Mail: Hans-Joachim.Schliep@evlka.de
siehe auch: www.johannisbemerode.de