Breathing in Reverse. Eine Performance von Joseph Semah. ©: HkD
Breathing in Reverse – eine Performance anlässlich der Präsentation des Kataloges von „Next Year in Jerusalem“ am 24. August 2008 in Hannover

„Breathing in Reverse“ – an einem Schachbrett sitzen sich zwei Personen gegenüber. Sie sehen nichts, auf ihren Köpfen sitzt eine hölzerne Box. Sie atmen und sprechen ihre Sprache, das deutsche und das hebräische Alphabet durch die Löcher, die von der Anzahl her den Buchstaben des jeweiligen Alphabets entsprechen. Abwechselnd schlagen sie einen Nagel in das Schachbrett. Nageln sie das Gegenüber symbolisch fest? Machen Sie mit Nagel einen Punkt, eine deutliche Stellungnahme in der Begegnung? Fügen sie dem Schachbrett, dem Spielraum zwischen sich, eine Wunde zu, so wie manche Gespräche verletzend werden, da sie gut gemeint aber oft von mangelnder Wahrnehmung, von Vorurteilen und Klischees geprägt sind?
Das Spiel ist beendet. Die Dialogpartner sehen sich wieder. Ihnen wird ein Glas Wein gereicht, sie stoßen damit an, eine Umarmung folgt. Die leeren Gläser werden zertreten, so wie es bei einer traditionellen jüdischen Hochzeit Tradition ist. Das Spiel ist zu Ende, das Spiel beginnt von neuem.

Joseph Semah ist von der hannoverschen Landeskirche eingeladen worden, im Frühjahr 2007 im Rahmen des Kunst- und Kulturschwerpunktes der Landesbischöfin in zwölf Kirchen „Next Year in Jerusalem“ zu gestalten. Seit langen Jahren beschäftigt er sich kunstgeschichtlich, theologisch, philosophisch mit dem kulturgeschichtlichen Erbe, das Judentum und Christentum miteinander teilen. Wichtig ist ihm das Verbindende, aber auch das Trennende, auf der Ebene der Symbole und Traditionen und der unterschiedlichen Wahrnehmung (blinder Fleck). Sein Werk versteht er so als Suchen, Aufdecken, sei es im Medium der Schrift, Artikel/Essays, von Installationen oder eben auch Performances, die er als eine „parallele Diskussion“ versteht. Sein gesamtes Werk sind für ihn „Fußnoten“ zu den Schriften der Tora, auch der gesamten Bibel. Joseph Semah ist ein Gast im Kirchenraum, die Gastfreundschaft ist für ihn Grundlage, die auch kritische Anfragen an das Gegenüber ermöglichen.

Die Performance „Breathing in Reverse“ nimmt diesen Prozess des durch Widerstände und einseitige Lesarten in der bisherigen Theologiegeschichte hindurchgehenden lebensspendenden Atem auf. Eine Performance ist stets eine dichte, verdichtete Zeit, so wie Joseph Semahs formgewordene gestalterische Kunst eine Verdichtung einer assoziationsreichen Tiefe seines Denkens und Seins darstellt.
Im anschließenden Gespräch werden die Möglichkeiten und Grundlagen von Begegnung, der Erfahrung des Gast-Seins, des Fremd-Seins als bleibende Herausforderung aufgenommen. Am Ende steht jedoch kein Punkt, kein verletzender Nagel, sondern die Hoffnung, dass das Spiel des Lebens, des Miteinanders im Glauben und der geschichtlichen Verantwortung auch für die Gegenwart und die Zukunft hält.

Die Performance von Joseph Semah ist eigens für das Sommerfest des Vereins „Begegnung – Christen und Juden Niedersachsen e.V.“ erarbeitet worden und bildet zusammen mit der Präsentation des umfangreichen Kataloges zu „Next Year in Jerusalem“
den Schwerpunkt auf der traditionellen jährlichen Zusammenkunft des Vereins. Dieser hat hatte als regionaler Kooperationspartner das Projekt und vor allem das Begleitprogramm vielfältig unterstützt und bereichert. In seiner Eröffnungsansprache hebt Pastor Dr. Christian Stäblein, der erste Vorsitzende des Vereins und Studiendirektor des Predigerseminars Loccum, vor allem  die nachhaltigen theologischen Impulse des bedeutenden Kunst-Kirche-Projektes hervor. In seiner früheren Gemeinde Nienburg war die Kirche mit einem „Himmel voller Buchstaben“ bestückt, der von Palmsonntag bis Pfingstmontag die Gemeinde beschirmte und erhöhte. Weitere Gesprächsbeiträge erfolgten von Pastorin Ann M. Bär/Hannover-Stöcken, zuvor Projektkoordinatorin von „Next Year in Jerusalem“, Prof. Dr. Ursula Rudnick, Studienleiterin des Vereins und Dr. Julia Helmke, Leiterin des Fachgebiets Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste, bevor der Nachmittag mit lebhaften Gesprächen bei Tombola, Kaffee und Kuchen, Bücherstand und Diskussionen mit dem Künstler Joseph Semah ausklangen.

Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers - Archivstr. 3 - 30169 Hannover