Bericht von der Berlinale 2007
Der Goldene Bär und der kirchliche Preis der Ökumenischen Jury gingen bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen - wie schon im letzten Jahr (Grbavica – Esmas Geheimnis) – an den gleichen Film: TU YA DE HUN SHI (TUYAS HOCHZEIT) des chinesischen Filmemachers Wang Quan’an. Die junge Frau Tuya (gespielt von Yu Nan) lebt mit Mann und Sohn in der mongolischen Steppe. Der Mann ist behindert, Tuya allein kann die Familie nicht ernähren. Ihr wird nahegelegt, sich scheiden zu lassen und einen anderen Mann zu heiraten. Bewerber gibt es viele. Der eine Mann, zu dem sie Zuneigung empfindet ist (noch) verheiratet. Die anderen wollen die Bedingung, die sie stellt - ihr bisheriger Mann müsse versorgt sein und mit ihnen leben -, nicht recht erfüllen. Eindrücklich sind die von der Kamera eingefangenen Bilder der Menschen mit ihren sprechenden Gesichtern und ihrer traditionellen Kleidung, schön zeigen die langsamen Bilder auch die Landschaft der inneren Mongolei. Aus der Begründung der Ökumenischen Jury: „Mit einem liebenden Blick und Sinn für die Ambivalenz menschlicher Entscheidungen inszeniert der Film das Beziehungsdrama glaubwürdig.“
Überhaupt sind es wieder Geschichten von einzelnen Menschen, die unter extremen Bedingungen ungewöhnliche Entscheidungen treffen, die in den Filmen der Berlinale besonders beeindrucken und den Blick für das zutiefst Menschliche eröffnen.
Die lobende Erwähnung der Ökumenischen Jury für einen Film aus der Panorama-Sektion wurde ebenfalls an einen chinesischen Film vergeben: LUO YE GUI GEN (GETTING HONE) von Zhang Yang. Zhaos Arbeitskollege ist gestorben und Zhao hat ihm noch versprochen, seinen Leichnam zu seinem weit entfernten Heimatort zu bringen. Also macht er sich auf den Weg, den Körper des toten Freundes neben sich im Bus, auf dem Rücken tragend, in einer zusammengezimmerten Karre, in einem LKW-Reifen. Unterwegs erlebt Zhao so allerhand: Härte und Grausamkeit von Menschen genauso wie menschliche Wärme, Zuneigung und Hilfe. Manche Szene lässt an die biblische Geschichte vom barmherzigen Samariter erinnern. Zhang Yang ist ein anrührendes mit viel Humor erzähltes Road-Movie gelungen.
Insgesamt galten die 22 Filme, die in diesem Jahr um die Bären im Wettbewerb antraten, eher als schwach, einige Entdeckungen gab es aber dennoch zu machen:
Dazu gehört der Film IRINA PALM des luxemburgischen Regisseurs Sam Gabarski, ein geheimer Berlinale-Favorit des Publikums. Der Film ging ohne einen Preis aus, zumindest die Hauptdarstellerin Marianne Faithfull hätte einen Bären für ihre anrührende Darstellung einer einfachen und willenstarken Frau verdient gehabt. Die fünfzigjährige Witwe Maggie ist verzweifelt. Ihrem todkranken Enkelsohn kann nur noch eine Behandlung in Australien helfen. Doch der Familie fehlt das Geld dazu. Ihr Haus hatte Maggie schon für vorangehende Behandlungen verkauft. Entschlossen das nötige Geld aufzutreiben streift sie durch London. An einem Nachtclub sieht sie einen Aushang für ein Stellenangebot. Nicht wissend, worauf sie sich einlässt, betritt sie den Club und schon bald hat sie den Job, weil sie „so zarte Hände“ hat. Es gilt, die Kunden, die sie nicht sehen, sexuell zu befriedigen. Und ihr Erfolg ist groß, sie bekommt den „Künstlernamen“ Irina Palm. Ihre Familie und ihre Freundinnen reagieren mit Unverständnis, doch sie hat stets das Ziel vor Augen, ihrem Enkel zu helfen, dafür riskiert sie alles.
Beeindruckt hat auch HALLUM FOE des britischen Regisseurs David Mackenzie. Der von Billy-Elliot-Darsteller Jamie Bell gespielte 17-jährige Hallum hat es schwer, vor allem mit sich selbst. Seine Mutter ist in einem See ertrunken, sein Vater hat wieder geheiratet, Hallum hält seine neue Stiefmutter für die Schuldige an dem Tod der Mutter. Er entwickelt manche sonderbaren Verhaltensweisen: er zieht sich in einem Baumhaus zurück, beobachtet Liebespaare, neigt zu aggressiven Ausbrüchen. Als er nach Edinburgh flieht, begegnet er einer jungen Frau, die wie seine Mutter aussieht. Auch sie beobachtet er zunächst, es kommt dann aber doch zu einer Liebesbeziehung. Mit subjektiver Kamera, einem mitreißendem Soundtrack (Silberner Bär für die beste Musik) und überraschenden Schnitten vermag es der Film, die Zuschauer in den Bann dieses Jungen zu ziehen. Es ist die nicht verarbeitete Trauer um die Mutter, die es verhindert, dass Hallum Wege gehen kann, die gut für ihn wären. Am Ende steht dann aber doch eine Hoffnung.
Unter den Fachbesuchern sehr umstritten war der deutsche Film YELLA von Christian Petzold. Nina Hoss (Silberner Bär für die beste Darstellerin) spielt Yella, eine junge Frau, die aus der ostdeutschen Provinz aufbricht, um in Hannover neu zu beginnen. Zurück lässt sie einen aggressiven, sie immer noch liebenden Ehemann mit einem bankrotten Betrieb, eine Stadt, in der sie sich längst fremd fühlt, und einen Vater, das einzige, was sie noch bindet. Und es erwartet sie die Welt windiger Geschäfte. Der eine Betrieb, in dem sie als Buchhalterin arbeiten sollte, ist grad insolvent. Da lernt sie im Hotel an der EXPO-Plaza einen Geschäftsmann kennen, der Firmen „rettet“, um sie auszusaugen. Dieser verpflichtet sie als Begleiterin – bei den Verhandlungen und auch danach. Die unwirtliche Umgebung des EXPO-Geländes bietet den Hintergrund für einen aberwitzige Form des Kapitalismus und ihre die Beziehungen vergiftenden Auswirkungen.
Während die einen Beobachter an dem Film seine kühle Distanziertheit für ungeheuerliches Geschehen loben, stören andere die Brüche, die der Film immer wieder hat, auch das überraschende Ende. Für Christian Petzold sind diese Gestalten „Gespenster“ (so der Titel seines letzten Films), die durch die sorgsam arrangierten Umgebungen gehen, oder vielleicht besser schweben.
An einen Dokumentarfilm vergab die Ökumenische Jury ihre Lobende Erwähnung für die Sektion Forum: CHRIGU aus der Schweiz. Chrigu, einer der beiden Macher des Films, erkrankt als junger Mann an Krebs. Er beginnt, sein eigenes Leben, seine Krankheit, das Auf und Ab zu filmen. Als er zu schwach wird, setzt sein Freund die Arbeit bis zu Chrigus Tod fort. Der Film zeigt authentisch das Sterben, es ist aber ein Film über den Wert des Lebens .
Der türkische Film TAKVA – A MAN’S FEAR OF GOD (Regie: Özer Kiziltan), der von der Jury des Filmkritikerverbandes als bester Film der Panorama-Sektion ausgezeichnet wurde, zeigt Muharrem, einen Angestellten in einer kleinen Firma in Istanbul. Muharrem ist frommer Muslim, er gehört zu einem Derwisch-Orden. Davon gibt es in der Türkei über 20.000. Solche Aufnahmen von der mystischen Gebetspraxis des Ordens sind nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen. Zugleich versucht Muharrem den Glauben sehr streng zu leben, ist allerdings vor Versuchungen nicht gefeit. Insbesondere plagen ihn nachts Träume mit sexuellen Phantasien. Aber er weiß, was richtig und falsch ist. Seine Welt gerät durcheinander, als er von seiner Bruderschaft dazu ausersehen wird, in den weltlichen Geschäften des Ordens mitzumischen, von denen Muharrem bis dahin nichts wusste. Das Eintreiben von Mieten lässt ihn verzweifeln. Arme kinderreiche Familien soll er aus ihren Wohnungen rausschmeißen, von reichen alkoholtrinkenden zwielichtigen Gestalten nimmt’s der Orden gern. Dem Film gelingt es neben einer Kritik an der Praxis bestimmter Bruderschaften die religiösen Vorstellungswelten des Protagonisten sichtbar werden zu lassen. In der Türkei wurde der Film positiv aufgenommen, die Angehörigen des Ordens, in dem er gedreht wurde, haben mit „standing ovations“ reagiert, so der Regisseur im anschließenden Gespräch.
Die Berlinale wird immer wieder als Filmfestival mit einem Schwerpunkt auf politischen Filmen bezeichnet. Drei Filme seien hier besonders herausgehoben.
In THE GOOD SHEPHARD (Der Gute Hirte) des großen Schauspielers und nun auch Regisseurs Robert de Niro wird die Entstehung des amerikanischen Geheimdienstes CIA nach dem Zweiten Weltkriegs gezeigt. Im Mittelpunkt ein wichtiger CIA-Mitarbeiter der ersten Stunde. Amerikanische Werte spielen eine Rolle. Aber je mehr Verantwortung er übertragen bekonnt, desto weniger kann er ein „guter Hirte“ sein, nicht einmal für seine Familie. Manche Parallelen für den Umgang von Geheimdiensten mit der „Wahrheit“ legen sich auch heute nahe.
Die internationale Produktion GOODBYE BAFANA des Regisseurs Bille August zeigt die Wandlung eines weißen Südafrikaners vom Rassisten während der Zeit der Apartheid zu einem nachdenklichen und Brücken bauenden Menschen. James Gregory ist Gefängniswärter. Weil er die Xhosa-Sprache beherrscht, wird er auf die Gefängnis-Insel Robben Island versetzt, um die Post von Nelson Mandela und seinen politischen Freunden zu zensieren. Aber der aufrechte Gang und die menschliche Größe Mandelas beeindrucken ihn. Zudem besorgt er sich Informationen über die Ziele des ANC. So gerät seine bisherige Weltordnung ins Wanken. Anfangs spioniert er die Widerstandskämpfer regelrecht aus. Später macht er sich selbst Vorwürfe, weil er sich schuldig am Tod von Mandelas Sohn und anderer Oppositioneller fühlt. Der Film fußt auf dem Buch des echten James Gregory, das in Südafrika nicht unumstritten ist. Der Film behandelt ein wichtiges Thema, filmisch allerdings ist manches allzu vohersehbar, geht manches allzu glatt auf.
Politisch noch brisanter ist der Film HAUS DER LERCHEN der Altmeister Paulo und Vittorio Taviani, der den Völkermord an den Armeniern 1915 zum Inhalt hat.
Am Beispiel des Schicksals einer armenischen Familie verdichtet der Film die ungeheuren Verbrechen, die in der Türkei bis heute Diskussion und Gewalttaten hervorrufen. Die armenische Familie, die gerade noch mit den türkischen Freunden ausgelassen gefeiert hat, wird am Tag danach schon von den gleichen Türken bedroht. Zuerst werden die Männer bestialisch getötet, dann die Frauen auf einem endlosen Hungermarsch verschleppt. Viele werden unterwegs vergewaltigt, andere sterben entkräftet an Hunger. Wie es zu diesem Ausbruch der Gewalt kommen konnte, wird allerdings – wohl bewusst – nicht erklärt, vielleicht müssen auch alle Erklärungsversuche stocken bleiben.
Der Film ist traditionell erzählt, hat dennoch Kraft. Allerdings wirken die türkisch-armenischen Liebesgeschichten über die Abgründe hinweg doch etwas aufgesetzt.
Der Film ist einer der ganz wenigen Spielfilme zu diesem lange verschwiegenen Thema. Atom Egoyans ARARAT (2002) hatte auch die Schwierigkeiten, zu diesen Ereignissen einen Film zu drehen, selbst zum Thema gemacht und wirkte wesentlich differenzierter.
Dietmar Adler