Michael Triegel, Mittelbild des Flügelaltars in Grave © Jens Schulze

(Ein Tipp verfasst von: Imke Schwarz, Pastorin in Seevetal)

Folgt der Reisende dem Lauf der Weser von Hameln über Bodenwerder, dann gelangt er bald in das kleine Dorf Grave. Nicht nur die Solarfähre lohnt einen Besuch dort. Die barocke Dorfkirche in Grave, Baujahr 1614, birgt ein außergewöhnliches Kunstwerk:




Ein Flügelaltar von Michael Triegel (geb. 1968 in Erfurt). Der Maler entstammt dem Umfeld der „Leipziger Schule“, einer modernen Strömung gegenständlicher Malerei, zu deren Hauptvertretern Werner Tübke (1929 - 2004) und Bernhard Heisig (geb. 1925) zählen. Der Altar wurde 2006 der Kirchengemeinde in Grave übergeben. Die Kosten betrugen rund 70.000 Euro, finanziert aus Spenden und Fördergeldern. Für den Künstler war es nach eigenen Angaben „…mein schönster Auftrag bisher.“

In Anlehnung an alte Meister wie Lucas Cranach zitiert Triegel vordergründig ein klassisches Altarbildprogramm: Jesu Geburt, Taufe, Abendmahl und – in der Rückansicht – Christus als Weltenrichter. Auf den Seitenflügeln sind als gemaltes Steinrelief Szenen aus dem Alten Testament in Typologie beigefügt: Mose schlägt Wasser aus dem Felsen, das Volk Israel sammelt die Himmelsspeise Manna. Die Motivik war dem Künstler im Wesentlichen vorgegeben.

Doch Triegel verweilt nicht beim bloßen Zitat christlicher Ikonographie: In virtuoser Technik kombiniert er Elemente traditioneller Bildsprache neu und befragt das Weltbild vergangener Jahrhunderte auf seine Gültigkeit.
So wählt der Künstler als Grundlage für die Mitteltafel einen Vers aus dem 26. Kapitel des Buches Hiob: „Er spannt den Norden aus über dem Leeren und hängt die Erde über das Nichts“. Der Stall von Bethlehem schwebt wie eine Bühne an Schnüren in der dunklen Weite des Universums. Das imaginäre Publikum schaut ein zeitloses Drama über Geburt und Tod: Gott verstellt den Blick in das Nichts durch den Stall, dessen Dachbalken sich zu dem griechischen Buchstaben „Alpha“ formen – ein Symbol für den Anfang allen Lebens. In der Figur des Josef, dargestellt als Greis, wird der nahe Tod gegenwärtig.
Eine Reise durch das Altartriptychon von Michael Triegel gleicht einer beunruhigenden Fahrt in die Vergangenheit, welche den Betrachter immer wieder in die Gegenwart zurück wirft. Die vertrauten Szenerien erweisen sich bei näherem Hinsehen als doppelbödig und fremd. Unter der Oberfläche sinnlich schöner Figuren beginnt die Konfrontation mit nackter Menschlichkeit. Einem gegenwartsblinden Glauben, der die Renaissance alter Werte beschwört, fordert die Malerei Triegels die Auseinandersetzung mit dem Pluralismus der Sinnentwürfe des 21. Jahrhunderts ab. Das Altargemälde in Grave will ermutigen, im Dialog mit der Geschichte eine eigene Antwort auf die Frage zu finden, die Jesus im 8. Kapitel des Markusevangeliums seinen Jüngern stellt: „Wer sagt ihr, dass ich sei?“
(Imke Schwarz, Pastorin in Hittfeld)

Eine Besichtigung des Bildes kann mit der Kirchengemeinde Hehlen vereinbart werden.
Kontakt: Pastor Kurt-Ulrich Blomberg, Tel. 05533 2850

Weitere Infos:
Münchhausenland
Kirchenkreis Holzminden-Bodenwerder
 

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