Foto: Dr. Johann Hinrich Claussen

Kunstwerk des Monats für Juli 2020

POPMUSIK – KEVIN MORBY, OH MY GOD, 2019

Regelmäßig werde ich gefragt, wo sich denn in der aktuellen Pop- und Rock-Musik religiöse Spuren oder gar theologisch Interessantes finden lässt. Leider fallen meine Antworten meist einsilbig aus. Ja, wenn ich über die Musik aus der guten alten Zeit (meiner Jugend und davor) sprechen sollte, da fiele mir unendlich vieles ein! Aber heute? Doch wie immer ist es eine Frage der Perspektive. Man muss nur neugierig bleiben, genau hinschauen und hinhören. Dann stößt man nämlich auf Musiker wie Kevin Morby.
Ein immer noch junger Mann von etwas über dreißig Jahren, hat er schon fünf Alben veröffentlicht, ein richtiges Werk sehr eigenständigen, melodischen und melancholischen Songwritertums. Wer Etiketten mag, kann „Folk-Rock“ oder „Indie“ dazu sagen, aber das ist nicht so interessant wie die Intensität, die Morby mit ganz einfachen Mitteln erzeugt: einer sparsamen Instrumentierung, einer nicht-virtuosen Stimme, aber wunderbaren Melodie- und Texteinfällen sowie einer ganz eigenen Ernsthaftigkeit, einem existentiellen Drängen, wie man es aus dem Gospel kennt.
Nach vielen Jahren des Tourens ist der gebürtige Texaner nun in Missouri angekommen. Dort hat er ein Album aufgenommen, das mit Titel und Titelsong ein großes Thema aufruft: „OMG – Oh My God“. Dieser Stoßseufzer, oft unbedacht gesprochen, wird für ihn zum Tor, ein neues Land zu erkunden. Ob es seine Heimat werden wird, kann dabei offen bleiben. Zwar finden sich schon auf seinen früheren Alben religiöse Anklänge und Motive, aber so richtig ernst schien es ihm nicht damit zu sein. Das hat sich inzwischen geändert.

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Foto: Barrett Emke

     Oh my Lord come carry me home,
     oh my God, oh my Lord
     gotten too weak for this heavy load,
     oh my Lord, oh my God
     carry a song wherever I go
     singing, oh my God,
     you’ve got me now, with a cotton mouth
     you’ve got me now, down on my knees
     begging please,
     won’t you release me.

     Oh mein Herr, komm und trag mich nach Hause,
     oh mein Gott, oh mein Herr
     ich bin zu schwach für diese schwere Last,
     oh mein Herr, oh mein Gott,
     ein Lied nehme ich mit, wo immer ich hingehe
     singe, oh mein Gott,
     jetzt hast du mich, mit einem Watte-Mund
     jetzt hast du mich auf den Knien,
     dass ich bettle: Bitte,
     lass mich frei.

Betörend einfach, rumpelnd und schunkelnd kommt dieses Lied daher. Die Instrumentierung ist wie auf dem ganzen Alben zurückhaltend, aber fein differenziert: wenig Gitarre, dafür Horn, Klavier, Harfe, Orgel, Chor. Aber es entfaltet sich schnell ein eigentümlicher Sog. Man denkt an alte Spirituals, im Rhythmus harter Zwangsarbeit gesungen, die einfache Motive variieren, dabei aber immer tiefer in das Geheimnis des Glaubens vordringen: die erst noch halbbewusste Anrufung Gottes – die Sehnsucht, aus der Fremde nach Hause geführt zu werden – das Eingeständnis eigener Schwäche, das Leiden an einer überschweren Last – die Musikalität des Schmerzes, das Singen von Gott und zu Gott – dann das Ankommen bei Gott, aber in großer Zwiespältigkeit, denn Gott lockt nicht nur, er erschüttert auch, bringt nach Hause und zwingt auf die Knie – am Ende die Bitte, erlöst zu werden, vom Leiden erlöst zu werden oder auch von Gott?
Es war ein langer Weg, bis Morby dieses und die anderen ebenso großartigen Lieder dieses Albums schreiben konnte. Begonnen hat er 2016, als er die Single „Beautiful Strangers“ aufnahm, um der Opfer des Pariser Terroranschlags zu gedenken (andere Musikjournalisten sagen, es sei ein Protest gegen rassistische Polizeigewalt), eine hochsensible Hymne. Ob dies auch schon das Ende eines Weges ist, ein Ankommen im Glauben? Eher nicht, es bleibt offen, ob Morby sich selbst als religiös oder nicht-religiös versteht. So gibt er den Hörenden die Chance, selbst zu entscheiden, was sie hören. Einen wichtigen Hinweis allerdings gibt das Cover-Foto. Auf den ersten Blick wirkt es befremdlich, wie es Morby mit nacktem Körper zeigt. Beim zweiten Blick zeigt es, worum es hier geht, nämlich um einen Künstler, der seine Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit zeigt.

Sehr lohnend ist übrigens Morbys Auftritt in der wunderbaren Reihe der „Tiny Desk Concerts

Das Songtext-Zitat ist dem Abdruck der Texte auf der Innenhülle der bei DEAD OCEANS erschienenen CD entnommen. Die Übersetzung stammt vom Autor.

Dr. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD