Wolfgang Kreutter (1924-1989), „Triptychon“, o.J., Foto (Detail): Dr. Matthias Surall

Kunstwerk des Monats April 2021

HOLZ-RELIEF: "Triptychon" von Wolfgang Kreutter, o.J., Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld

Faszinierend und verwirrend zugleich muten diese rustikalen Holzelemente an: Nach einem vorerst rätselhaften Muster sind sie auf drei alten, durch Scharniere miteinander verbundenen Holztüren angeordnet. Auffällig ist die unterschiedliche Tönung der Holzelemente. Die Türflügel sind aus heller Fichte, die figürlichen Elemente aus dunkler Eiche. Ebenso scheinen die massiven Eisenscharniere und der Abstand der Flügel zueinander ihre eigene Bedeutung zu haben. In einem christlichen Kulturraum wird die Anordnung der Relieftafeln natürlich sofort mit einem Triptychon assoziiert, jener Art von Bildwerk, das ein Thema auf drei thematisch miteinander verbundenen Tafeln behandelt. Damit ist eine lange Geschichte der Gestaltung religiöser Themen angesprochen. Aber auch ohne diese Erinnerung an die sakrale Bildtradition ergibt sich eine starke, mystische Wirkung.

Im Mittelpunkt steht ein Kreuz als klare und eindeutige Struktur. Direkt darüber sind vier rechteckige Klötze im Hochformat auf einer schmalen Leiste aufgereiht, unter dem Kreuz befindet sich ein kurzes breites Querholz. Unmittelbar rechts und links vom Kreuz sowie auf den weiteren Türflügeln finden sich eigenartige Kompositionen aus Holzteilen, die entfernt an die Abstraktion menschlicher Gestalten erinnern können. Zu erkennen sind Köpfe, Oberkörper, Unterleibe und zum Teil Arme sowie Gegenstände, die mit nicht weiter auszumachenden Händen gehalten werden. Die Köpfe sind besonders eindeutig als solche durch „Augen“ charakterisiert: kreisrunde, kleine Löcher, in denen früher die großen Holzdübel steckten, die das Gebäude, aus denen die Balken stammen, zusammenhielten.

Folgt man diesen ersten Hinweisen auf eine christliche Ikonographie, dann erschließen sich nach und nach weitere Interpretationsmöglichkeiten. Am auffälligsten ist, dass das Kreuz leer ist. Es fehlt der Corpus des Gekreuzigten. Allerdings lassen sich die bewusst so belassenen Verwitterungsspuren im Holz als Hinweis auf den Prozess der Marter deuten. Und die vier Holzblöcke können als die Abstraktion der vier Buchstaben INRI gelesen werden. Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum – Jesus von Nazareth, König der Juden. Damit folgt Kreutter der Überlieferung der Kreuzigungsdarstellungen. Der Querbalken unter dem Kreuz könnte im Sinne der christlichen Ikonographie auf eine Predella hindeuten, jenen schmalen Sockel, der in vielen Triptychen mit Motiven aus der Heilsgeschichte wie Grablegung, Abendmahl oder Geburt Christi auf den Gesamtzusammenhang des Lebens Jesu verweist. Ebenso traditionell werden neben dem Kreuz stehend die Mutter Maria und Johannes der Täufer in ihrer Trauer um den Leidenden dargestellt, die man hier in der Abstraktion wiedererkennen kann. Die Figuren auf den Türgefachen mag man als Träger von Schwertern, Lanzen und Helmen sehen und damit als die Soldaten identifizieren, die das Leiden Christi überwachen.

Soweit lässt sich eine erste christliche Ausdeutung beschreiben und damit die geheimnisvolle und anziehende Wirkung der Tafeln erklären. Wie aber kommt nun ein Künstler aus Westfalen, gebürtig im pietistischen Siegerland, dazu, solch ein Werk zu schaffen?

Wolfgang Kreutter (1924 – 1989) wurde nach dem Notabitur 1943 zum Kriegsdienst eingezogen und kam 1945 nach kurzer Zeit in amerikanischer Gefangenschaft zurück nach Siegen. Bei dem Drechsler, Holzbildhauer und Maler Ludwig Florin auf dem Dödesberg bei Bad Berleburg absolvierte er eine Drechslerlehre und ging nach der Gesellenprüfung von 1947 bis 1950 an die Landeskunstschule nach Hamburg. Als einflussreiche Lehrer prägten ihn zwei Grafiker und Bildhauer: der für seine eher wuchtigen Arbeiten bekannte Edwin Scharff und der eher filigran gestaltende Gerhard Marcks.

Kreutter heiratete1949 Milli Florin, die Tochter seines Meisters, zog 1950 als freischaffender Künstler auf den Drechslerhof am Dödesberg und entfaltete von dort aus eine weitgefächerte künstlerische Tätigkeit, die ihm vielfältige öffentliche Anerkennung bis hin zum Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen verschaffte.

Sein Arbeitsstil umfasst die ganze Bandbreite von realistischer Gegenständlichkeit bis hin zu expressiver Abstraktion. Von der Kleinplastik über große Arbeiten im öffentlichen und sakralen Raum erstreckt sich sein umfangreiches Werk, für das er eine breite Palette an Materialien und Techniken verwendete. Allein im Bereich der Landeskirche von Westfalen ist Kreutter in über 100 Kirchen präsent. Als bibelfester, kommunikationsbegabter und diskursfreudiger Künstler hat er seine Arbeiten meist in intensiven Gesprächen mit den Gemeinden entwickelt und erklärt.

Einige der für Kreutter wichtigen Erfahrungen können bei der Einordnung des Triptychons helfen. In den fünfziger und sechziger Jahren entdeckte Kreutter im Rahmen ausführlicher Studien und Reisen für sich den ästhetischen Reiz ägyptischer Hieroglyphen, die Ausdruckskraft der Kreuzigungsgruppen bretonischer Kalvarienberge und die archaische Wirkung von Steinstelen im Stil von Stonehenge. Vor allem war es neben Bronze, Stein und Kristall immer wieder altes Holz aus abgerissenen Gebäuden, das er für die neue Interpretation herkömmlicher Inhalte nutzte. So wirkt dieses Triptychon mit seinen rätselhaften, abstrakten Zeichen wie eine Station auf einem Pilgerweg. Die drei Türflügel erzeugen zusammen mit dem alten Holz von Bäumen, die schon alt waren, als Luther lebte, eine mythische Wirkung, die wir mit Bildern und Texten der Bibel in Zusammenhang bringen, aber auch wie Mahnzeichen einer großen Kultur lesen können.

Wolfgang-Kreutter-Triptychon_mittlere Tafel
Wolfgang Kreutter, „Triptychon“, o.J., mittlere Tafel

Wie Kreutters Triptychon ins Landeskirchenamt in Bielefeld kam

Wolfgang Kreutter traf ich zum ersten Mal Mitte der 1980er Jahre in der Kommission für Kirchbau und Kunst der Evangelischen Kirche von Westfalen. Schon von der ersten Begegnung an verstanden wir uns sehr gut. Wir waren uns u.a. einig, dass mehr zur Verständigung zwischen Kirche, Kunst und Gesellschaft getan werden müsse. So lud ich ihn bald zu einer meiner Kunsttagungen ein und war beeindruckt, dass er nur für einen Abendvortrag nach Iserlohn kam und in seinem Citröen DS Kombi zentnerschwere Bronzeskulpturen als Anschauungsobjekte mitbrachte. Das gemeinsame Aus- und Einladen führte uns noch näher zusammen. Auch sein DS, auf Französisch ausgesprochen „déesse“ – „die Göttliche“, Roland Barthes hat diesem Mythos einen eigenen Essay gewidmet, sorgte zusätzlich für gemeinsame Begeisterung. Seiner Einladung, ihn in seinem weitläufigen Atelier auf dem Dödesberg zu besuchen, um mit ihm eine Ausstellung zu konzipieren, konnte ich leider nicht mehr zu seinen Lebzeiten nachkommen.

Aber nach Kreutters viel zu frühem Tod im Jahr 1989 gelang es mir, Landeskirchenrat Gerhard Senn davon zu überzeugen, dass man einem so vielfach in der Landeskirche präsenten Künstler eine Werkmonografie widmen müsse. Mit Dr. Isolde Arends fand ich eine Autorin, die die aufwendigen Recherchen dafür unternahm und in eine gut lesbare Form brachte. 1999 konnte ich schließlich das Buch im Rahmen einer Kreutter-Gedächtnisausstellung in der Evangelischen Akademie Iserlohn in Anwesenheit seiner Witwe und zweier seiner Kinder der Öffentlichkeit vorstellen. Dank der Vorbereitung dieser Ausstellung und der Buchpräsentation war ich doch noch zu einem Besuch auf den Dödesberg gekommen, um die zu präsentierenden Werke auszusuchen.

In diesem Kontext hatte sich ein herzliches Verhältnis zur Familie Kreutter ergeben, das dann 6 Jahre später einen Telefonanruf von Angelika Kreutter zur Folge hatte: Sie müsse das Anwesen mit dem Atelier ihres Vaters räumen. Das große Triptychon, das schon 1999 in der Ausstellung der Akademie gezeigt wurde und seither im Atelier stand, möchten sie und die Erben zusammen mit zwei weiteren großen Holzarbeiten gerne in die Hände der Landeskirche geben. Ob ich nicht die Vermittlung und Organisation übernehmen könne?

Nach einigen Telefonaten mit Herrn Dr. Althöfer, zuständig für die Inventarisierung der Kunst im Bereich der Ev. Kirche von Westfalen, und Landeskirchenbaudirektor Miermeister waren die Rahmenbedingungen für die Annahme der Schenkung geklärt. So fuhr ich an einem Novembertag mit meinem VW Bus „The Long and Winding Road“ zum Dödesberg ins Sauerland. Ein Nachbar half beim Einladen und der Sicherung der heiligen Ladung im Kofferraum. Nach der Ankunft in Bielefeld fanden Dr. Althöfer und ich den passenden Platz im gut frequentierten Treppenhaus eines Nebengebäudes des Landeskirchenamtes, das Besuchern zugänglich ist. Mein persönlicher Dankesbrief an Angelika Kreutter datiert vom 28.11.2005, darin kündige ich ein entsprechendes Schreiben vom Landeskirchenamt mit einer Würdigung der Schenkung an. Ob es je dazu gekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Dass aber gut 15 Jahre später der an die Landeskirche von Hannover „ausgeliehene“ westfälische Pfarrer und ehemalige Persönliche Referent zweier Präsides Dr. Matthias Surall mit der Einstellung des Fotos vom Triptychon auf der dortigen Kunst-Homepage der Bedeutung dieses Werks von Kreutter Rechnung trägt, ist ein zusätzlicher Dank an und eine schöne Ehrung für den westfälischen Künstler.

 

Dr. phil. Rüdiger Sareika
Vorstandsvorsitzender der Ev. Stiftung „Protestantismus, Bildung und Kultur“ und ehem. Kulturbeauftragter der Ev. Kirche von Westfalen

Literatur:

Isolde Arends: Wolfgang Kreutter - ein Bildhauer in Westfalen. Hg. von Gerhard Senn im Auftrag der Evangelischen Kirche von Westfalen. Bielefeld 1998.

Wolfgang Kreutter - ein Künstler aus Westfalen und seine Rezeption in der Ev. Kirche von Westfalen. Evangelische Akademie Iserlohn, Tagungsprotokoll, Iserlohn 1999.