Friederike Kahle-Nicolaides „Kuschel-Jesus“ (2015) | Foto: Dennis Improda

Kunstwerk des Monats April 2022

TEXTIL-KUNST: Kuschel-Jesus - eine textile Miniatur von Friederike Kahle-Nicolaides

Kennengelernt habe ich Friederike Kahle-Nicolaides bei einer Kunstausstellung in meiner damaligen Gemeinde. Ihre gehäkelten Figuren, unförmig und ohne Gesicht und doch anrührend und besonders, faszinierten mich damals schon. „Die sind aber nicht schön!“ sagte eine Frau bei der Führung durch die Ausstellung. Daraus entspann sich ein Gespräch über das, was Kunst ist, im besten Sinne sein soll: durchaus verstörend und nicht auf den ersten Blick eingängig, einladend zu Widerspruch und Austausch. Kunst, die mich und meine Sicht auf die Welt anfragt, die mich provoziert.

Friederike Kahle-Nicolaides Werk „Kuschel-Jesus“ aus dem Jahr 2015 tut genau das. Ungewöhnlich in Farbe und Material – die Seiten des Kreuzes sind mit besonders weichem Garn gehäkelt und fühlen sich wirklich kuschelig an. Friederike Kahle-Nicolaides hat sich von Brauchtum der Votivgaben in Dank- und Gnadenkapellen inspirieren lassen. An diesen Orten hängen mit nicht mehr benötigten Krücken, anderen medizinischen Hilfsmitten und Darstellungen von Heiligen Materie gewordene Bilder des Danks. Sie drücken einen tief verwurzelten Glauben an ein Aufgehoben-Sein im Wirken Gottes aus. Die Bilder und Gegenstände holen Gott ganz nah heran, machen Gott anfassbar, spürbar.

Auch der Kuschel-Jesus ist so fassbar geworden. Und die weiche Wolle verleitet dazu, ihn zu streicheln, in den Arm zu nehmen – etwas, das für eine Kreuzesdarstellung absolut ungewöhnlich ist. Dabei liegt die Zuwendung zu dem, der am Kreuz leidet, doch so nahe. Hingehen, Schmerz lindern, mit aushalten, mithalten, das Unrecht beklagen. Aus der Ferne darauf schauen, im sicheren Abstand, vor Altären, in Kirchen und Kathedralen hat auch etwas damit zu tun, wie wir mit Unrecht und Leiden in unserer Welt umgehen. Gerade jetzt mitten in der Passionszeit geht es auch genau darum: wo setze ich mich dem Leiden anderer aus? Wie sehr bin ich verstrickt in ungerechte Strukturen, die Leiden hervorbringen und legitimieren? In der Bundestagsdebatte zum Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar hat Robert Habeck gesagt: „Mit sauberen Händen werden wir hier nicht herauskommen.“ Wir können uns nicht wie Pilatus die Hände in Unschuld waschen.

Der Kuschel-Jesus von Friederike Kahle-Nicolaides kommt mir nahe. Und gleichzeitig ist diese Nähe auch gefährlich verführerisch. „Wozu haben wir dich gemacht, du zorniger, fordernder, Tische werfender, lebensfroher, lebendiger Gott?“ fragt die Künstlerin im Blick auf ihre Skulptur. Die Pinkisierung des Kreuzes zeigt, wie harmlos und glatt wir das Evangelium verhandelt haben.

Sperriges muss flexibel werden, Menschenrechte sind wichtig, aber auch verhandelbar, klimaneutral soll der Umgang mit der Schöpfung schon sein, aber Atomenergie wird dabei umgewandelt in eine grüne Energie. Was mich fordert und verstört, was anders ist als normal, was vertraute Wege plötzlich verstellt – all das versuche ich glatt zu verhandeln, es wird flauschig und pink, sodass ich vor lauter Fühlen und Farbe vergessen, wie anstößig Gott für mich denkt. Ostern ist nicht allein zu haben, es gehört zusammen mit der Passion: die Ansprüche und Widersprüche, mit denen mich das Evangelium konfrontiert. Die manchmal kaum auszuhalten sind, weil sie mich zu zerreißen drohen und denen ich deshalb die Ecken und Kanten nehmen möchte.

Susanne Paul
Landespastorin für Arbeit mit Frauen

im Haus kirchlicher Dienste