Christiane Möbus: Sieger, 2015 Turntisch, Lorbeerkranz, 180 × 245 × 175 cm | Foto (Detail): Sprengel Museum Hannover

Kunstwerk des Monats August 2022

CHRISTIANE MÖBUS: BERGE VERSETZEN (1984/1991)

Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. (1. Korinther 13,2)

In der Retrospektive SEITWÄRTS ÜBER DEN NORDPOL der Künstlerin Christiane Möbus werden „Berge versetzt“: eine Installation aus einer zwölf Meter langen und vier Meter hohen Wand mit einem präparierten Gamsbock. Die Ytongwand ist in einem bestimmten Winkel schräg zur Wand errichtet. Höhe und Länge sind durch die Größe der Ausstellungshalle bestimmt. Einzelne Blocksteine wurden nach Innen und Außen versetzt aufgebaut. Der präparierte Gamsbock ist an seinen Krucken an einem Bügel aus Amiereisen gehängt. Die Wand wird zu einem nicht zu überwindenden „Berg“. Und der Gamsbock, - der natürliche Lebensraum des Gamsbocks sind die Berge. „Dieses Bergeversetzen“, so beschreibt es Christiane Möbus in einem Gespräch 1994, „das kann man mit einem Berg so einfach nicht machen. Man müsste wirklich lastwagenweise Material abtragen. (…) Hier wäre der Berg nur als Materialhaufen anwesend. (...) Eine direkte Über-Setzung führte in diesem Zusammenhang deswegen zu nichts, jedenfalls bei weitem nicht zu dem, was mit dem bloßen Versetzen von ein paar Mauersteinen angedeutet werden kann. Der Betrachter wird zu einer gedanklichen Auseinandersetzung herausgefordert, ähnlich dem Leser eines Aphorismus.“ Das „Berge versetzen“ findet in dieser Installation eine sinnbildliche Übersetzung. Der „Glaube versetzt Berge“ ist in der deutschen Sprache eine geläufige Aussage und ein metaphorisches Sinnbild für eine extreme Herausforderung, aber eben auch für die Zuversicht einer Möglichkeit.

Gegenüber dieser Wand steht ein altes Turngerät mit dem Titel „Sieger“. Die Zeit des Schwitzens und der Verrenkungen hat dieses Turnhallenmöbel hinter sich gelassen. Der traditionelle Turntisch wurde zu einer Skulptur. Mit seiner Form und einem am Boden liegenden und von einem der vier Beine gehaltenen Lorbeerkranz verweist der Tisch allerdings auf seine ursprüngliche Funktion: Sport, Wettkampf und Siegeswillen ebenso wie auf die damit verbundene, hartnäckig geforderte, körperliche Leistungs- und Opferbereitschaft. Verbirgt sich so hinter diesem „Sieger“ die Fragwürdigkeit des Leistungssportes und die Flüchtigkeit eines Sieges und jeglichen Triumphes oder die Hoffnung auf ein Durchhalten und Überwinden existentieller und gesellschaftlicher Hürden?

Das Sprengel Museum Hannover und der Kunstverein Hannover präsentieren gemeinsam mit der Ausstellung SEITWÄRTS ÜBER DEN NORDPOL eine erste große Retrospektive zum 75. Geburtstag der Künstlerin. Die Werkauswahl umfasst Arbeiten aus den frühen 1970er-Jahren bis zu den jüngsten Projekten der einflussreichen Hochschulprofessorin (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und Universität der Künste Berlin bis zu ihrer Emeritierung), die für nachfolgende Künstler*innengenerationen Maßstäbe gesetzt hat. In mehr als fünfzig Jahren künstlerischer Produktion entwickelte Christiane Möbus ein Werk, das sich vielfältig in unterschiedlichen Medien artikuliert. Mit ihrem Œuvre hat sie die Möglichkeiten skulpturaler, installativer und objektbezogener Arbeit erkundet. Für die Künstlerin ist das Sammeln von Gegenständen und Objekten verschiedenster Art und Herkunft Grundlage für ihre Arbeit. Das Spektrum der Dinge und Materialien, die sie in ihren Werken verarbeitet, ist groß. Dabei ist die Form wie der Funktions- und Materialcharakter eines Gegenstandes und die Spuren gelebten Lebens für die Auswahl von Bedeutung.

Es ist ein „Umsortieren“ vertrauter Vorstellungen, Bilder und Dinge, die die künstlerische Herangehensweise von Christiane Möbus beschreibt. Indem sie die gefundenen und bisweilen auch hergestellten Objekte in ungewohnter Weise miteinander kombiniert, entstehen ebenso präzise wie poetische Bilder, die das Assoziationsvermögen der Betrachter*innen motivieren und neue Bedeutungsräume erschließen. „Der Betrachter wechselt beständig zwischen dem Kunstwerk und seiner Imagination. Ein Vorgang, der Vergnügen bereitet und den wir wiederholen möchten.“ Ihre Werke erzeugen ein Spiel vielschichtiger, bisweilen humorvoller und melancholischer Assoziationen, die eindeutige Zuordnungen und Bedeutungen immer wieder in Frage stellen (vgl. Günther Kebeck, Beobachten und Betrachten, Münster, 2021, S. 150).

Gabriele Sand
Kuratorin, Sprengel Museum Hannover