Kunstwerk des Monats Dezember 2022

Berührt – gefeiert – verzaubert - verperlt

Das Berühren der Figüren mit die Pfoten ist verboten!“ Wer kennt ihn nicht, diesen Merksatz speziell aus Museen und gerne in diesem spezifischen Idiom meiner Heimatregion, des Ruhrgebiets, dargeboten? In Zeiten von Protestaktionen unter Einbeziehung von Kunstwerken gewinnt er neue Relevanz. Doch auch die hoffentlich langsam abebbende Corona-Pandemie hat uns schmerzlich gelehrt, dass das Einander-Berühren, so wohltuend und notwendig es doch ist, auch negativ, weil ansteckend wirken kann.

Wie gut, dass mich etwas oder jemand auch im übertragenen Sinne und dennoch sehr nachhaltig wirksam berühren, anfassen, erreichen kann. Das kann ein lieber Mensch sein, der mir zum Beispiel mit ganz altmodisch analog und persönlich Geschriebenem nahe kommt. Das kann aber auch durch ein Kunstwerk geschehen. Mir geht das so bei unserem aktuellen Kunstwerk des Monats. Das im weiteren Sinne textile Objekt, die Soft Sculpture von Anna Eisermann mit dem Titel „Jeder Tag wird gefeiert“ hat diesen unmittelbaren Effekt auf mich. Ich sah es, im Ausstellungsraum der artothek Hannover hängend… und es berührte mich unmittelbar. Das weiße, weiche, flauschige und kugelige Etwas mit seinen poppig grellen Lippen in Orange-metallic und den perlenden ‚Zähnen‘ sprach mich direkt an, ja löste etwas in mir aus. Mir kam die Assoziation einer Christbaumkugel und eines etwas groß geratenen Smileys. Und ich dachte: Ja, das hat was. So kann es, so darf es, so soll es sein, gerade jetzt, in diesen Zeiten, die mit dem Wort „Polykrise“ beschrieben und als solche erlebt werden. Ich bin so ver-rückt und stelle mir vor: Dieses Kunstobjekt von Anna Eisermann mit eben genau diesem Titel: „Jeder Tag wird gefeiert“ hängt als Christbaumkugel an meinem dies- wie ganzjährigen Weihnachtsbaum.

Es hängt dort prominent neben und zwischen den auf Hochglanz polierten roten Äpfeln und roten Kerzen, die in der Markgräfler Tradition meiner Mutter auch heute noch meinen Weihnachtsbaum in Hannover schmücken. Es hängt dort und lässt mich fantasieren, jeder Tag des kommenden Jahres könnte Weihnachten sein oder werden. Mich verzaubert dieser Gedanke. Ich stelle mir, dieser Spur folgend, weiter vor: „Jeder Tag wird gefeiert!“ Jeder Tag lächelt mich an und ich lache zurück. Ich nutze jeden Tag, mache das Beste aus ihm, halte mein Herz und meine Sinne offen, für Überraschendes, Wohltuendes, Schönes und Berührendes – für mich selber wie für meine Lieben und Nächsten und – so es mir mit Gottes Hilfe gelingt – auch und sogar für die, zu denen ich sonst eher auf Distanz gehe.

Wie ver-rückt ist und gleichzeitig schön und wohltuend wäre das denn? Jeder Tag des kommenden Jahres als Weihnachten! „Jeder Tag wird gefeiert!“, weil ich Gottes Nähe spüre und liebevoll weitergebe. Weihnachten kann das. Weihnachten hält das aus.

Gleichzeitig gilt, das zeigt dieses Kunstwerk in Kombination mit dieser dadurch ausgelösten Assoziationskette: Kunst darf poppig sein, inspirieren und irritieren, eigentlich Unverbundenes verknüpfen. Kunst kann ein Lächeln hervorzaubern, mit Materialien spielen, sinnlich daherkommen, verzaubern, unmittelbar berühren, Gefühle auslösen und Gedanken auf die Sprünge helfen.

Anna Eisermann stammt aus der Ukraine, wo sie ein Malereistudium absolvierte, bevor sie in Kiel studiert hat. Sie übersetzt und überträgt die auf der Krim gelernte realistische Malerei und die freiere wie abstraktere Kunstlehre deutscher Provenienz und Prägung ins Textile. Hier kann sie, wie Anke Pauli, Kunsthistorikerin und Geschäftsführerin der artothek Hannover [1], es auf den Punkt bringt, „frei experimentieren unabhängig von der Bildfläche“ und Formen schaffen, „die den Raum erobern und sich nicht begrenzen lassen. Dabei arbeitet sie mit gesammelten und gespendeten Textilien, die schon eine Geschichte mitbringen. Der Nerz wird zur Krone, der Wischmopp zur pompösen Draperie. Glamouröses und Wollüstiges trifft auf Traditionelles, Ornamentik auf Freakiges. Leidenschaft und Wärme versprüht sie dabei.“

Welch wunderbare Übersetzung, welch glanzvoll nachhaltige Übertragung, was für eine herrliche Ahnung bis Vorstellung dessen, was gute Kunst vermag.

Und weil die Adventszeit die Zeit der doppelten Erwartung ist, der Erwartung des Christfestes anlässlich der Geburt Jesu wie die Erwartung seiner Wiederkehr am Ende aller Zeiten, ende ich mit einem Hinweis auf ein quasi reformiertes Kunstwerk von Bob Dylan. Der Alt- wie Großmeister der Songpoesie wie des Kunstwerkes als work in progress, also im beständigen Zustand der Überarbeitung, hat 1979 einen evangelikal bis fundamentalistisch anmutenden Song mit dem Titel „Gonna Change My Way Of Thinking“ aufgenommen und veröffentlicht. Jahrzehnte später hat er diesen Song intensiv überarbeitet und ihm unter anderem diese Strophe beigefügt:

Jesus is calling, He’s coming back to gather up his jewels
Jesus is calling, He’s coming back to gather up his jewels
We living by the golden rule, whoever got the gold rules[2]

In assoziativer Verkettung mit der Perlen-Zahn-Reihe in Anna Eisermanns textilem Kunstobjekt denke ich: was für eine wunderbare Vorstellung, dass wir Menschen Jesu kostbare Juwelen, sein Geschmeide, seine Perlen sind. Genau die, die er sucht und sammelt. Und zwar jede einzelne. Wenn dies die Bedeutung und Auflösung des Endgerichts ist, dass ich als Perle und Juwel in Jesu Geschmeide-Sammlung integriert werde, dann kann ich nur sagen: „Jeder Tag wird gefeiert!“, jeder Tag ist es wert gefeiert zu werden, auch und gerade der Tag des Christfestes und der des Endgerichts nichtsdestoweniger!

Dr. Matthias Surall
Beauftragter für Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste
der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers