Foto: Kerstin Grünwaldt

Kunstwerk des Monats Januar 2021

POPMUSIKKULTUR – SILBERMOND, Album „SCHRITTE“, November 2019

Silbermond ist seit Jahren wohl eine der bekanntesten deutschen Pop-Formationen. Ihre Mitglieder lernten sich bereits als Jugendliche kennen: im Jahr 1998 bei „Ten Sing“, einem Projekt des CVJM. Vier Jahre später traten sie dann erstmals als Silbermond auf. Seit 2004 sind 6 Alben erschienen, die Hälfte davon wurden Nr.-1-Erfolge.

Heimat der Band ist Bautzen/Sachsen. Einer der vielleicht bekanntesten Songs der Band, „B 96“ (auf „LEICHTES GEPÄCK“, 2016), setzt dem nicht weit von der polnischen Grenze gelegenen Gebiet ein grandioses Denkmal:

Und die Welt steht still hier im Hinterwald
Und das Herz schlägt ruhig und alt
Und die Hoffnung hängt am Gartenzaun
Und kaum ein Mensch kommt je vorbei
Im Hinterwald
Wo mein Zuhause ist
Schön wieder hier zu sein

Auch ihr jüngstes Album „SCHRITTE“, das nach einer Pause von 4 Jahren im November 2019 veröffentlicht wurde, ist ein Nr.-1-Album geworden. Die Pause von 4 Jahren hat auch damit zu tun, dass Frontfrau Stefanie Kloß und Gitarrist Thomas Stolle gemeinsam Eltern eines Sohnes geworden sind.

Man merkt die Jahre und die neue Erfahrung – nicht unangenehm. Der Sound der Band ist erkennbar weniger mainstreamig, die Musik etwas ruhiger geworden. Richtig rockige, treibende Stücke fehlen. Es sind neben der vertrauten Band-Besetzung Streicher zu hören. Die Texte haben noch mehr Tiefe gewonnen. Sie sind von einer Qualität, die man sich im gegenwärtigen Sacro-Pop wünschen würde.

„SCHRITTE“ ist vielleicht das persönlichste Album der Band – ein Rezensent spricht – etwas übertrieben? – von „Coming-of-Age“, weswegen man durchaus traurig ist, wenn nach einer guten halben Stunde die 10 Lieder mit „Ein schöner Schluss“ zu Ende gehen.

„SCHRITTE“ ist eine richtig gute Platte. Dreieinhalb Stücke seien herausgehoben:

„Für Amy“ ist ein Lied, das jungen Mädchen Mut machen will, zu sich zu stehen. Das ist in Zeiten von Instagram, GNTM usw. eine fast subversive Botschaft: Du darfst un-perfekt sein – ohne Wenn und Aber; dein Wert hat nichts mit deinem Äußeren zu tun:

Du wirkst so mit Schüchternheit aufgeladen
Könntest deinen Kopf so viel höher tragen
Erinnerst mich n bisschen
An mich früher
Ich guck dich an und find dich gut …
Ich hoff du guckst mich an und ich mach dir Mut
Ich war nie eine mit skinny Beinen
Ich kenn das Heulen, kenn das Zweifeln …
Schäm dich für nichts …
Deine Flügel werden wachsen

Amy gibt es wirklich. Sie kam nach einem Konzert zu Steffi, um ihr zu sagen, dass ihr die Silbermond-Songs viel Kraft und Mut geben, erklärt die Sängerin in einem Interview (HAZ/Sonntag vom 23.11.2019). Man wünscht sich sehr, dass diese Botschaft (von „Mama“ und Vorbild Steffi: „Warst ja nicht mal geboren bei unserer ersten Scheibe“) gehört wird, ankommt und sehr, sehr vielen Mädchen (und Jungen?) Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen schenkt.

„Hand aufs Herz“ ist ein Lied von Steffi und Thomas für ihren Sohn. Ein Zuspruch, ein Versprechen, für dieses Kind für immer und ewig da zu sein. Da Kunst ihrer Natur nach aber immer über sich hinausweist, Kunstwerke autonom sind, darf und muss man dieses Stück aber vielleicht auch anders hören. Denn die Zusagen sind viel zu schön, um sie nur als Versprechen eines bestimmten Elternpaares an ihr bestimmtes Kind zu hören. Ich möchte sie auch als Zusagen (von wem?) an mich hören – und ich darf das auch!

Mit der Hand auf dem Herz schwör ich dir so lang ich leb
Werd ich für dich alles alles tun, was in meiner Macht steht …
Puste über Wunden, sag alles wird gut …
Was auch immer sein wird, lass uns reden

Das berührendste Lied auf „Schritte“ ist für mich ein Lied, das die Sängerin angesichts des viel zu frühen Todes ihres Vaters drei Monate vor ihrem Abitur singt: „In meiner Erinnerung“. Das Stück erzählt von dem Schock und dem Schmerz des Abschieds, aber auch von der lebenswichtigen Trauer. Die Trauer Jugendlicher und ihr Umgang damit ist ein immens wichtiges, uns als Kirche vielleicht noch zu wenig bewusstes Thema. (Ein hervorragendes Buch hierzu: Matthias Günther, Der Tod ist eine Tür, Göttingen V&R 2013).

Mit „In meiner Erinnerung“ ist aber nicht nur die Trauer von Kindern und Jugendlichen, sondern auch eine Frage von Eltern berührt, die diese sich zweifellos öfters stellen: welche Erinnerungen sie wohl bei ihren Kindern auslösen und hinterlassen.

Vielleicht sind die Bilder, auch die Art und Weise der Trauer nicht besonders originell. Eindrücklich – weil persönlich und authentisch – sind sie allemal:

Es war viel zu zeitig
Ich hör sie sagen, jetzt hast du’s geschafft
Bist jetzt an einem bessern Platz
Meine Ohren verstehn das
Doch das Herz sagt, es fehlt was
Mit jedem Tag der vergeht, lebst du weiter
In meiner Erinnerung …
Was würdest du sagen, könntest du mich sehn
Sag mir, kannst du mich sehn
Verrätst du mir, was bleibt
Übrig von ner Lebenszeit

Wer sich mit seiner Trauer auseinandersetzt, findet zurück ins Leben. Darum ist Trauer wichtig. Dann kann sich Dankbarkeit für dieses einzigartige Geschenk des Lebens einstellen, und das lyrische Ich kann im letzten Stück „Ein schöner Schluss“ sagen:

Weißt du, ich bin dankbar, dass ich hier bin,
dass ich das erleben darf,
denn das ist einer dieser Momente,
die man für immer bewahrt,
wenn das mein letzter Tag wär. …
Und das wär ein schöner Schluss

Dr. Klaus Grünwaldt
OLKR Landeskirchenamt Hannover
30. März 2020/11. Dezember 2020