Treppenhaus der Tagungsstätte Michaeliskloster Hildesheim | Foto: Dr. Matthias Surall

Kunstwerk des Monats Januar 2022

SCHNÖDE SCHALE – KRASSER KERN

Baukunst: Das Treppenhaus in der Tagungsstätte Michaeliskloster Hildesheim

Dass die Stadt Hildesheim mit dem Hohen Dom und der Michaeliskirche gleich zwei herausragende Kirchen zu bieten hat, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen, ist allgemein bekannt. Dass die Michaeliskirche zusammen mit dem Michaeliskloster ein spannendes und weitverzweigtes Gebäudeensemble bildet, ebenfalls. Dass sich im Inneren der heutigen Tagungsstätte des Michaelisklosters aber auch ein Juwel der Baukunst der späten 1950er Jahre befindet, das ahnt man nicht, wenn man vor der sachlich schnöden Außenfassade im Bereich des Haupteingangs steht.

Michaeliskirche wie -kloster haben eine lange, wechselvolle Bau- und Umbaugeschichte hinter sich. Das ursprüngliche romanische Gebäude des Benediktinerklosters aus dem 10. Jahrhundert wurde im Laufe der Zeit mehrfach umgenutzt und im 2. Weltkrieg erheblich zerstört. 1959 dann wurden wesentliche Teile des Ensembles - mit einem Erweiterungsbau versehen - als „Predigerseminar an St. Michael“ wiederaufgebaut. Im Jahre 2004 schließlich wurde die Anlage durch neuerliche Umbaumaßnahmen in den heutigen Zustand versetzt und dient seitdem als „Evangelisches Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik“ inklusive Tagungsstätte.

Der Erweiterungsbau von 1959, der von dem Architekten des Wiederaufbaus in Hildesheim, August Albert Steinborn (1904 – 2001) konzipiert und ausgeführt wurde, weist in seinem Inneren, hinter dem Haupteingang zur heutigen Tagungsstätte eine spektakuläre Treppenhausanlage auf, die in ihrer ästhetisch aufwendigen und detailverliebten Machart ihresgleichen sucht und im Gegensatz zum sachlichen Äußeren des Gebäudes den gleichsam krassen Kern repräsentiert. Gott sei Dank blieb diese/r beim letzten Umbau unangetastet und kann so noch heute besichtigt, bestaunt und begangen werden! Ein kleineres, erheblich weniger spektakuläres, im gleichsam abgemilderten Rundbaustil der 1950er Jahre gehaltenes, Treppenhaus aus dieser Planungs- und Bauphase ist hinter dem Eingang zu den heutigen Büroräumen zu finden.

Das nach wie vor vorhandene, große Treppenhaus von 1959/60 ist einerseits typisch für die Innenarchitektur seiner Bauzeit, weist es doch die für diese Zeit signifikanten Merkmale auf, als da sind:

  • Raumgreifende, großzügig, bis nach heutigen Baumaßstäben gesprochen geradezu verschwenderisch gestaltete Rundarchitektur.
  • Steinerne Treppenstufen mit schwarzen Hartgummieinsätzen an den Kanten.
  • Treppengeländer mit Metallstreben.
  • Handlauf mit farbiger Bakelitummantelung.
  • Schließlich ein gläsern-transparentes Oberlicht direkt über der Treppenanlage.

Andererseits gibt es einige Besonderheiten dieses Treppenhauses, die es in Kombination mit den zeittypischen Merkmalen oben zu dem machen, was es letztlich ist und zeigt, ein spektakuläres und zugleich singuläres Beispiel der oft kunstvollen Innenarchitektur der Nachkriegsmoderne. Die Besonderheiten sind diese:

  • Die Farbgebung mit den dominanten Farben rot und grün. Die steinernen Treppenstufen sind in rot gehalten. Den Handlauf hingegen ziert und schmückt ein wunderbarer kräftiger Grünton.
  • Neben dem Schneckenhausartigen Rundbau des eigentlichen Treppenhauses gibt es eine damit quasi zusammengebaute, zweite Treppenanlage, die den damaligen Erweiterungsbau von 1959/60 mit dem historischen Gebäudeteil des ehemaligen Klosters verbindet.
  • Auf jeweils halber Etage der Haupttreppe gibt es je eine Art schmaler Galerie, die heute zur Ausstellung historischer Musikinstrumente dient und so den Charakter der Gebäudenutzung unter anderem für Kirchenmusik visualisiert und akzentuiert.
  • Die für die Architektur der Zeit typische Liebe zum Detail, die hier dadurch exemplarisch Gestalt gewinnt, dass zum einen die metallenen Streben des Treppengeländers immer abwechselnd rund und eckig ausgeführt sind. Ein weiteres wunderschönes Detail ist die Farbvariation der Treppenstufen, die im Bereich der eigentlichen Trittflächen stets in rotem, gesprenkeltem „Kunststein“ ausgeführt sind, im Bereich der hochkant angeordneten Steine jedoch dunkelgrau, anthrazit gesprenkelt.
  • Die stilisierte Blumenblütenornamentik in der metallenen Rahmung des für das Oberlicht verwendeten Milchglases.

Dieses Kleinod der Baukunst passt zum Ort, lässt sich doch Hildesheim, von den Bombardierungen gegen Ende des 2. Weltkrieges schwer getroffen und gezeichnet und demzufolge mit besonders vielen und auch vielen wertigen Bauten der 1950er Jahre ausgestattet, mit Fug und Recht als das ‚Pforzheim des Nordens‘ bezeichnen. Denn Pforzheim, durch analoge Kriegsschäden weitgehend zerstört, gilt zu Recht als eine der herausragenden Hochburgen der Architektur der Nachkriegsmoderne. Und das nicht zuletzt deshalb, weil die Stadt diesen ihren Perlen der Architektur speziell der 1950er Jahre eine Aufmerksamkeit und Wertschätzung zukommen lässt, die man sich für manche Bauten dieser Zeit auch im Bereich unserer Landeskirche und unseres Bundeslandes nur wünschen kann. Einen Beitrag dazu will auch das Arbeitsfeld Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste leisten, nicht zuletzt mit seinem diesjährigen Schwerpunkt „Kirchbaukunst der 1950er bis 1970er Jahre“.

Dr. Matthias Surall
Pastor, Beauftragter für Kunst und Kultur 

im Haus kirchlicher Dienste
der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers