Crucifixus auf Prozession in der sizilianischen Stadt Siculiana (Detail) © Paolo Indelicato, Road Movies

Kunstwerk des Monats Juni 2021

Dokumentarfilm: A Black Jesus – von Luca Lucchesi, 2020

Großartige Bilder von der Südküste Siziliens, an- und abschwellende Musik. Zwei Männer gehen am Strand entlang. Einer sagt: "Hier im Dorf gibt es eine schwarze Jesusfigur. Aber es gibt auch ein Flüchtlingszentrum. Dort leben die Schwarzen. Das Komische ist, dass die Einheimischen keine Schwarzen mögen, aber sie lieben diesen schwarzen Jesus. Sie lieben ein schwarzes Stück Holz, aber keine Schwarzen aus Fleisch und Blut. (…) Soll mir mal einer erklären."

Damit ist das Thema des Films "A Black Jesus" schon zu Beginn benannt.

In der Tat, in der sizilianischen Kleinstadt Siculiana hängt an dem Altarkreuz der Pfarrkirche eine schwarze Jesus-Figur. Und diese wird von den Bewohner*innen verehrt. Die alljährliche Prozession, bei der die Figur auf einem schweren Holzgestell durch die Stadt getragen wird, ist der Höhepunkt des Jahres - und ist identitätsstiftend. Wieso die Holzfigur des Gekreuzigten schwarz ist? Ist das Holz nachgedunkelt? Eine Einwohnerin, die zuvor bekennt, in das Kruzifix verliebt zu sein, meint zu wissen: "Der Gekreuzigte ist schwarz geworden durch all unsere Sünden. Denn vorher war er weiß." Wie auch immer, der Christus der Siculiani ist schwarz.

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Crucifixus auf Prozession in der sizilianischen Stadt Siculiana © Paolo Indelicato, Road Movies

Edward kommt aus Afrika. Er ist über das Mittelmeer gekommen und wohnt nun in einer Unterkunft für Geflüchtete in Siculiani. Bei der Prozession steht er mit seinen Freunden am Rand. Die Statue hat es ihm angetan. Seitdem ist er von dem Gedanken bewegt, im nächsten Jahr ebenfalls mit seinen Freunden zusammen mit den Sizilianern die Statue durch die Stadt zu tragen.

Allerdings: die Bewohner*innen haben (fast) keinen Kontakt zu den Geflüchteten. Sogar Fußball spielt man auf zwei voneinander deutlich unterschiedenen Plätzen: die Italiener auf dem Rasen, die Migranten auf einem Ascheplatz.  Viele Bewohner*innen stehen den Zugezogenen feindselig gegenüber. Man betont, keine Rassisten zu sein, um dann bei der Demonstration gegen ein Auffangzentrum – und nicht nur da – fremdenfeindliche Sätze von sich zu geben, die man durchaus als rassistisch ansehen darf.

Nur wenige haben Kontakt: ein Lehrer, der sich der Geflüchteten und ihrer italienischen Sprachkenntnisse annimmt und auch beim Barbier – trotz scharfem Messer in seinem Gesicht – für Verständnis wirbt. Eine Schulklasse, die sich mit Geflüchteten trifft und vorsichtig Fragen stellt; eine Nonne, die Empathie zeigt; ein Pfarrer, der Verständnis für den Wunsch von Edward hat, bei der Prozession mitzuwirken.

Aber trotz aller Anzeichen vorsichtiger Brücken, die Wirklichkeit afrikanischer Geflüchteter in Europa, hier im Italien des inzwischen zurückgetretenen Innenministers Salvini, meldet sich mit Macht zurück.

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Die kleine sizilianische Stadt Siculiana in der Provinz Agrigent. © Luca Lucchesi, Road Movies

Bei dem Film "A Black Jesus" handelt es sich um die erste Regiearbeit von Luca Lucchesi, er führt auch selbst die Kamera. Konzipiert hat er den Film zusammen mit seiner Partnerin Hella Wenders, einer selbst filmschaffenden Nichte von Wim Wenders. Dieser hat den Film auch mit seiner Firma Road Movie produziert. Auch inhaltlich passt der Film zur Entwicklung von Wenders Filmschaffen, hat er sich doch immer wieder mit – schön fotografierten – Dokumentarfilmen gezeigt, auch mit dem – vielleicht doch mit zu wenig Distanz gedrehten – Film über Papst Franziskus.

Bemerkenswert ist, wie unbefangen die Protagonist*innen des Films "A Black Jesus" sich auf den christlichen Glauben beziehen. Immer wieder äußern sich die Bewohner*innen von Siculiana über ihren Glauben und ihre Beziehung zur Christusfigur. Und auch die Neu-Bewohner des Städtchens sind Christen mit einer sehr emotionalen Beziehung zu Christus. Sie und ihre Unterstützer*innen rekurrieren dabei aber vor allem auf die Botschaft, dass Jesus Christus für alle Menschen in gleicher Weise da ist.

Ein Dokumentarfilm in Cinemascope? Das ist ungewöhnlich. Dazu ein Soundtrack mit emotionaler Musik. Ja, der Film will für die Zuschauenden zum Kino-Erlebnis werden. Zum Glück gibt es keinen Off-Kommentar eines allwissenden Kommentators. Zu Wort kommen die Menschen in Siculiana, vor der Kamera und aus dem Off.

Es handelt sich um einen Dokumentarfilm. Dabei sind die Bilder sehr bedacht inszeniert, manche Einstellungen wirken fast "erhaben". Aber Lucchesi hat gefilmt, was er gesehen hat. Ob die Tatsache, dass eine Kamera dabei ist, auch das Geschehen in Siculiana beeinflusst hat, das wird man mit Recht fragen. Aber das macht auch nichts.

Auch wenn manch eine Äußerung eines Bewohners sich rassistischer Klischees bedient, es werden keine Fratzen gezeigt. Auch die, die sich ablehnend gegenüber den Geflüchteten äußern, behalten ihre Würde vor der Kamera. Ohne die Äußerungen zu "ent-schuldigen", werden Ängste der Menschen deutlich. Und es verändert sich etwas.

Auch umgekehrt: Der Gefahr, dass auch die Bewohner des Flüchtlingszentrums festgelegt werden auf die Rolle der Geflüchteten, wird vorgebeugt. Sie bekommen Namen, werden im Laufe des Films plastischer. Was aus Peter, Samuel und Edward geworden ist? Wir können nur hoffen.

Die Veröffentlichung des Films markiert den Übergang aus der Lockdown- in die Öffnungszeit: Der Film ist für das Kino gedreht, das spürt man den Bildern, der Musik ab. Und doch hat sich der Verleih entschieden, den Film im Mai 2021 – kurz vor der erwarteten Öffnung der Kinos – fast gleichzeitig im Internet zum Streaming anzubieten und in die Kinos zu bringen, wo sie denn ab Juni hoffentlich öffnen können. Schon auf dem Bildschirm ist der Film sehenswert, aber seine Wirkung wird er wohl erst voll auf der großen Leinwand entfalten.

 

Dietmar Adler
Pastor in Bad Münder
Arbeitskreis Kirche und Film
Jury Coordinator der ökumenischen Filmorganisation INTERFILM