"Das Goldene Zeitalter - Erster Teil" von Cyril Pedrosa und Roxanne Moreil (2019) © Verlag Reprodukt

Kunstwerk des Monats März 2021

GRAPHIC NOVEL: "Das Goldene Zeitalter" von Cyril Pedrosa & Roxanne Moreil (2019)

Die Corona-Pandemie hat uns viele neue Gebote beschert: Du sollst Abstand halten! Du sollst Dir die Hände waschen! Du sollst eine Maske tragen! Du sollst Dich mit niemandem treffen! Du sollst zu Hause bleiben! Und noch ein paar Gebote mehr. Da jedoch in dieser langen Liste Entscheidendes fehlt, möchte ich folgende Gebote hinzufügen: Du sollst Dir regelmäßig eine Freude machen! Du sollst das Schöne nicht vergessen! Du sollst die Künste und den Buchhandel unterstützen! Du sollst Dir hinreißend zu lesende und köstlich anzuschauende Bücher kaufen!

Wie mir dürfte es gerade wahrscheinlich vielen gehen: Man sitzt den ganzen Tag über Texten oder am Bildschirm, da mag man abends keine dicken Bücher mehr lesen oder auf Bildschirme schauen. Doch zum Glück gibt es etwas, mit dem man sich selbst nach einem anstrengenden, einsamen und einseitigen Tag im Heim-Büro einen herrlichen Genuss bereiten und in fremde Welten eintauchen kann: Graphic Novels, Comic-Romane. Früher war dies ein Nischen-Genre, doch inzwischen sind Zeichner-Autoren wie Riad Sattouf oder Autorinnen/Zeichnerinnen wie Marjane Satrapie und viele andere sehr bekannt geworden. Einen wunderbaren Graphic Novelist aber, den ich sehr schätze, kennt man bisher kaum in Deutschland. Da ich mich bemühe, gerade in Corona-Zeiten ein freundlicher und freigebiger Mensch zu sein, stelle ich ihn hier vor. Denn dann lassen sich meine Sonder-Gebote im Handumdrehen erfüllen.

Cyril Pedrosa ist der Sohn portugiesischer Einwanderer in Frankreich. 1972 wurde er in Poitiers geboren. Vor fünfzehn Jahren begann er, eigenständig große Bücher zu veröffentlichen. Vorher hatte er, wie in dieser Branche üblich, bei Filmproduktionen und Comic-Serien mitgearbeitet. Kennengelernt habe ich ihn durch sein Buch „Portugal“ (2012). Es war mir in einer Buchhandlung wegen des Titels aufgefallen. Denn dieses Land liegt mir am Herzen. Und ich war berührt, begeistert: In sonnenhellen, licht dahingetuschten Zeichnungen reflektiert er seine Geschichte als Lusiantofranzose und die Geschichte seiner Eltern. Jetzt, da eine Reise in das vom Virus geschlagene Portugal undenkbar ist, will ich es mir noch einmal vornehmen. Von gleicher Meisterschaft, aber noch vielseitiger im Wechsel von Text und Bild, von Gegenwart und Vergangenheit, Wirklichkeit und Traum ist „Jäger und Sammler“ (2016) – weniger eine Geschichte als eine romanhafte Meditation über ewige Menschheitsfragen. Aber Pedrosa kann auch ganz einfach eine packende Geschichte erzählen, so in seinem düsteren Märchen „Drei Schatten“ (2008).

An dieses märchenhafte Frühwerk knüpft Pedrosa mit seinem jüngsten Buch an. Es heißt „Das Goldene Zeitalter“ (2019) und ist auf mehrere Bände angelegt. Hier arbeitet der Zeichner mit der Szenaristin Roxanne Moreil zusammen. Gemeinsam erzählen sie eine Sage aus einem erträumten, albtraumhaften Mittelalter. Es war einmal ein Reich, in dem alles da war – ein goldenes Zeitalter. Doch dann stirbt der König, und eine Hungersnot bricht aus. Tilda, die schöne Königstochter, will ihr Volk retten. Doch ein Komplett ihres bösen Bruders stürzt sie vom Thron. Sie muss fliehen. Gemeinsam mit ihren treuen Gefährten Tankred und Bertil sucht sie nach einem verlorenen Zauberbuch, mit dessen Hilfe alles wieder gut werden soll. Doch es kommt ganz anders …

Was alles geschieht, sei hier nicht verraten. Es ist zu spannend – und natürlich offen, denn die Fortsetzung steht noch aus. Hoffentlich kommt sie auch bald. Aber ich kann versuchen zu sagen, was dazu geführt hat, dass ich mich in die Bilderwelt dieses Buchs verloren habe. Es sind weite und bewegte Tableaus. Sie spielen mit Märchen- und Mittelalter-Klischees, überführen sie aber sogleich in unverwechselbare Traumbilder. Intensive Farben wechseln einander ab, Proportionen und Perspektiven verschwimmen, so dass tiefe Empfindungen wach werden: Angst, Grauen, Sehnsucht, Liebe. Eine ferne, fremde Welt wird vor einem lebendig, und man taucht lesend und schauend in sie ein. Man kann diese Graphic Novel durchlesen, doch dann ärgert man sich sogleich über die eigene Eile. Also nimmt man es sich wieder vor und schaut und schaut: dieses Rot, dieses Gelb, jenes Blau, jenes Grün – all die Kämpfer, Hofleute, heiligen Frauen – diese undurchdringlichen Wälder, weiten Landschaften, düsteren Schlösser. Man will aus diesem Märchenbuch nicht mehr heraus, so schrecklich die Geschichte auch wird.

Natürlich hat auch dieses Märchen eine Moral: die Empörung über die Ungerechtigkeit und das Streiten für die Gerechtigkeit. Oder auch: Macht vergiftet, Macht ist flüchtig. Oder: Reichtum macht böse und krank. Religiöses kommt nicht vor. Es sei denn, man würde im Märchenhaften selbst etwas Religiöses erkennen: das Sich-Fortträumen aus der Enge dieser Wirklichkeit, das Sich-Versenken in einer Gegenwelt – nicht als Flucht, sondern als Versuch, in einer ganz anderen Dimension ein Gefühl für die Quellen wahrer Menschlichkeit zu gewinnen. Und wer hätte das in diesen Tagen nicht nötig?

 

Dr. Johann Hinrich Claussen
Kulturbeauftragter des Rates der EKD