Foto: Dr. Matthias Surall

Kunstwerk des Monats März 2022

KIRCHBAUKUNST DER NACHKRIEGSMODERNE

Gott in konfliktreichen Zeiten – Kirche Johannes XXIII

Als Mitte der 1960iger Jahre die Selbstverständlichkeiten der Wirtschaftswunderzeit in der ersten Bundesrepublik aufbrachen und sich auch in religiöser Hinsicht Unruhen unter den Studierenden auftaten, bekam der damalige katholische Hochschulpfarrer Prof. Nyssen den Auftrag, auf einem ehemaligen Industriegelände in Köln Sülz „Kirche an den Hochschulen“ zu bauen. Aber wie geht das? Wie baut man Kirche (auf)? Eine sehr aktuelle Frage.

Der erste Schritt war, die alten architektonischen Selbstverständlichkeiten – auch die der neuen Kirchenbilder der 1950er Jahre – über Bord zu werfen und mit einem Bildhauer (Josef Rikus) und dem neuen Baustoff Beton Kirche ganz neu zu denken. Es entstand in der Logik der neu entstandenen universitären Bauten (Bibliothek, Philosophikum, Hörsaalgebäude) ein Brutalismus-Bau. Brutalismus von franz. Beton brut – der ‚nackte‘ Beton. Ein betonsichtiger Bau. Der Inhalt und der Symbolgehalt sollte jedoch ein je anderer sein als in den Bauten der Universität. Aber welcher ist es? Wofür wollen wir als Kirche stehen?

Materialehrlichkeit war dabei ein wichtiges Moment der Brutalismusbewegung: Alles, was zu sehen ist, ist auch das, was es ist: Keine Fassade, kein Stuck, keine „Behübschung“.

Damit war der Bau anschlussfähig an die Studentenunruhen: Die Selbstverständlichkeit des fragwürdigen (Nicht-)Umganges mit der Schuld der „Väter“ zu brechen und nach außen dem Auftrag des 2. Vatikanischen Konzils gerecht zu werden, im Sinne der „kritischen Zeitgenossenschaft“ Stein des Anstoßes zu sein. Der Kirchenbau ist nicht in den üblichen Kategorien der Ästhetik „schön“ – aber regt zum Denken und zum „Stolpern“ über den Bau an. Beton als kritischer, weil nicht gefälliger Werkstoff. Es lohnt sich, beim Betrachten der Frage nachzugehen, wo wir denn diesem Auftrag des 2. Vaticanums heute noch gerecht werden: Kritische Zeitgenossen zu sein.

Der Bau erschließt sich in einem weiteren Schritt, wenn man hinabsteigt. Im Sinne des Baus in die Unterwelt, die Grabeshöhle – oder eben in die Krypta. Mit dem Beton ist hier ein sehr beeindrückender und beeindruckender Raum gelungen: „die Höhle“ oder der „Bunker“. Wenn wir in der Nachfolge Jesu nicht an der Oberfläche des „man“ bleiben wollen, müssen wir auf dem schmalen Grad zwischen Leben und Tod gehen, zwischen Todesangst und Lebenshoffnung. Die Krypta ist ein solcher Ort, wo die ersten Menschen, die dort gebetet haben, sicherlich an die Bombennächte Kölns gedacht haben – oder eben an die ersten Christen, die an den Stellen des Todes Eucharistie und damit den Übergang vom Leben zum Tod gefeiert haben. Das lässt fragen: Wie steht es mit mir als Christ mit dem Bewusstsein der Endlichkeit und der Hoffnung darüber hinaus?

Die Kirche Johannes XXIII besteht nicht aus einem „eigentlichen Kirchraum“ mit einer Krypta darunter, sondern besteht aus zwei gleichwertigen kontrastierenden Räumen. Unten-Oben, Angst-Hoffnung, Tod-Leben, Unterwelt-Himmel.

In den Himmel kommt man, indem man „aufsteigt“ – aus der Unterwelt über eine großangelegte „Schreittreppe“, die nicht zum mal eben hochlaufen gedacht ist, sondern um sich über das Irdische zu erheben. Dazu und dabei die Frage: Bin ich mir meiner Würde bewusst?

Und oben tut sich dann der Himmel als weiter Raum voller Licht auf. Der Beton wird hier weich und fängt steinerweichend an, durch die farbigen Fenster zu leuchten.

Beide Räume sind strikt von einer dicken Betondecke getrennt – es gibt nur eine Stelle, an welcher der Durchbruch durch Glasbausteine gelingt – in der Mitte des Raumes, die nicht die geometrische Mitte ist, aber sicherlich die gefühlte: Der Sakramentenbaum: unten in der Höhle, in der Tiefe als Wasserstelle und damit Taufort und oben als Sakramentenstele mit Tabernakel: die Frucht des Baums, die ewiges Leben bringt und nicht die Vertreibung aus dem Paradies. Die Unterbrechung ist Ort der Transzendenz, des Überschreitens der Gegensätze.

Mag der Symbolgehalt des Betons noch so hoch sein als Stein des Anstoßes, als Bunker und Höhle oder als von Himmelsfarben leuchtender Baustoff: Der Kirchenbau durchbricht letztlich auch nochmal diese erarbeitete Bedeutung und führt sie auf eine andere zurück, Beton bleibt Baustoff des Homo faber, künstlich, durch Technik und von Menschenhand erschaffen: Alles, was heilig ist und bleibt: Altar, Ambo, Sakramentenbaum und die sich versammelnde Gemeinde ist „Natur “- aus der Schöpfung genommen und damit aus Holz.

In dieser „größten begehbaren Skulptur Kölns“ feiern unterschiedliche Menschen Gottesdienst: Studierende an den Hochschulen Kölns, Studierende der Theologie, Schülerinnen und Schüler am Erzbischöflichen Berufskolleg für Sozial- und Gesundheitswesen. Jede und Jeder in den Ambivalenzen und Konflikten des eigenen Tuns und Lebens mit immer weniger werdenden Selbstverständlichkeiten. Vielleicht ist das nicht die schlechteste Aussage dieses durch und durch religiösen und theologischen Baus: Gott ist nicht zu finden und zu feiern, indem man Konflikte einseitig auflöst und so fragwürdige Sicherheiten schafft. Vielleicht ist ER da zu feiern, wo man immer wieder die Anstrengung auf sich nimmt, im wahren Sinne des Wortes durch die Konflikte und Gegensätze zu gehen und sie zu erleben: Er selbst soll ja diesen Weg vorausgegangen sein …

Klaus Thranberend
Pfarrvikar in den Stadtteilen Ehrenfeld, Bickendorf, Ossendorf,
zuvor sechs Jahre lang Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) in Köln