© Sebastién Pins | Alchimie Productions

Kunstwerk des Monats Mai 2022

Wald verbindet! – Kurzfilm "Traces" von Sébastien Pins (2018)

Ein Holzfäller in den Ardennen ist sich sicher: Er wird der letzte sein. Mit ihm wird die Tradition zerfallen. Im Alter von 75 Jahren arbeitet er noch immer auf dem ursprünglichen Wege in den Wäldern Belgiens, um Bäume zu fällen oder den Boden von befallenem Holz zu befreien. Sein Antrieb ist Nina. Und das nicht nur im übertragenen Sinne. Gekonnt zieht die kräftige Stute die schweren Holzstämme auch aus dem unwegsamsten Gelände. Egal zu welcher Jahreszeit: Nina und der traditionelle Holzfäller tun ihre Arbeit. Es scheint, als sei der Wald größer, wichtiger als sie selbst, als übersteige er ihre Existenz.

Für die beiden Gefährten unsichtbar, für uns Zuschauer unmittelbar sichtbar, verfolgt ein kleines Mädchen im roten Mantel das eingespielte Gespann. Fasziniert von der Arbeit der beiden, hält sie das Zusammenspiel von Mensch und Tier zeichnerisch fest

 

Teaser zum Film Traces

Traces zeigt uns einen Wald in Bewegung. Die Kamera fängt diese Dynamik ein, als wäre sie Teil des Ökosystems: Wir tauchen mit der Kamera ab, wenn Nina mit ihren Hufen durch das Wasser eines Baches pflügt. Wir steigen mit in luftige Höhen, wenn wir den Kranichen so nah kommen, als würden wir selbst durch den Himmel gleiten. Wir kippen mit der Kamera von rechts nach links, um die Bewegung des kleinen Mädchens nachzuvollziehen, wie sie über einen liegenden Stamm hechtet.
Diese dynamische Wucht wird nicht zuletzt durch den Einsatz orchestraler Musik erzeugt, welche die Bilder nicht künstlich überlagert. Sie inszeniert umso mehr das, was sich einer rationalen Beschreibung entzieht: Die wechselhafte Beziehung von Mensch, Tier und Wald. Holzbläser repräsentieren die Begeisterung des kleinen Mädchens, die den Wald mit faszinierenden Augen betrachtet. Die jugendlichen Augen, die sagen: Diese Schönheit ist heilig und schützenswert. Gitarrenklänge lassen uns eintauchen in die Gefühlswelt des alten Holzfällers. Es sind entschlossene Töne, die auf die Beständigkeit seiner Arbeit verweisen. Sanfte Sounds zeigen uns dabei den Blick auf sein anstrengend anmutendes Tagwerk: Keine Arbeit des Lohnes wegen, sein Antrieb ist die Leidenschaft seines Pferds. Aktive Beziehungsarbeit zwischen Mensch, Tier und Wald.

Dass diese Beziehung nicht nur harmonisch, sondern auch verletzlich ist, beweist der Film mit dem lautstarken Auftauchen einer Harvester-Maschine.

Die Musik verstummt, wenn die Räder des schweren Fahrzeugs über den Waldboden rollen.  Schnell stellen wir fest: Die Forstarbeit hat sich gewandelt. Beim Anblick der maschinellen Riesen bekommt man schnell das Gefühl von Fremdkörpern, die – im Gegensatz zum Pferd-Mensch-Team – den Wald eher ausbeuten als ihn nachhaltig zu beforsten. Doch der Film kreist nicht allein um die Nostalgie für die Tradition, getreu dem Motto „Früher war alles besser“. Vielmehr zeigt der Film, was Nina kann und wo sie ihren technischen Kollegen überlegen ist: Sie erreicht das für die Maschinen nur schwer zugängliche Terrain problemlos. Es deutet sich effektive Kooperation von Maschine und Tier an, bei der jeder seinen Platz hat.

„Spuren“ lautet der deutsche Titel des französischsprachigen Films. Die Spuren der beiden Generationen, verkörpert durch die beiden Protagonisten, kommen an entscheidender Stelle des Films zusammen. Das Mädchen ist die Rettung des alten Mannes. Wenn er mitten in den Wäldern stürzt und mit eingeklemmtem Bein, unter einem Baumstamm um Hilfe ruft, ist sie da. Dieses Erlebnis bringt beide zusammen, ihre Spuren kreuzen sich. Keine einmalige Sache, sondern im besten Sinne „nachhaltig“, wie wir gegen Ende des Films sehen dürfen.

Regisseur Sébastien Pins, der auch die Kamera führte, und Musikkomponist David Reyes lassen diese Spuren nicht nur auf der narrativen Ebene verschmelzen, sondern inszenieren diese Symbiose visuell wie musikalisch. Die Holzbläser übernehmen das musikalische Hauptthema des Mannes, die Gitarre spielt die Klänge, die wir mit dem Mädchen assoziieren. Dieser Kniff steigert sich zu einem großen orchestralen Finale, das mit den erhabenen und spektakulären Drohnenaufnahmen der belgischen Wälder korrespondiert.

 

David Reyes komponierte den eindringlichen Soundtrack zu Traces.

Wer sich vornimmt die Kraft des Waldes mit all seinen Facetten zu zeigen, stellt sich einer großen Herausforderung. Doch hier zeigt sich die große Stärke des zwölfminütigen Kurzfilms: Pins und sein Team haben es sich zur Aufgabe gemacht den Wald durch die Kameralinse so zum Leben zu erwecken, dass wir nicht nur das Gefühl bekommen, die Natur sei hier lediglich Kulisse für eine fixe filmische Idee.

Das Gegenteil ist der Fall: Die Natur selbst ist eine lebendige Akteurin. Sie ist für die menschlichen Protagonisten ein Ort, an dem Verbindung möglich wird: Zwischen Alt und Jung, Vergangenheit und Zukunft, Mensch und Tier. Diese Symbiosen vollziehen sich auf allen dem Medium Film zur Verfügung stehenden Ebenen wie Bild, Musik, Dialog und dramaturgischer Handlung. In Zeiten von am Fließband produzierten überdrehten Marvel-Effektfeuerwerken, schafft Traces gegenüber seinen 120-Minüter-Kollegen einen Kontrapunkt. Traces verdichtet unser (Er)-Leben mit der Natur und scheut sich nicht davor auch die Konflikte zu zeigen, in welchen die menschliche Verantwortung immer wieder deutlich wird. Doch zum Schluss des Films sehen wir keinen toten Wald, keine Dystopie. Der Abspann rollt nicht über das klassische Schwarz der Leinwand, sondern zeigt abermals beeindruckende Bilder des Waldes, die uns zur Hoffnung anhalten: Auf ein lebendiges Leben in Einklang mit dieser überwältigenden Schönheit.

Phil Rieger
Religionspädagoge und Filmemacher

Wald im Film - Tipps

Landeskirchliche Medienzentrale Hannover

Sie möchten den Kurzfilm Traces komplett sehen? Dann nutzen Sie unser Angebot der landeskirchlichen Medienzentrale. Registrieren Sie sich hier kostenfrei und schauen dann ganz einfach per Online-Stream den Film.

Die Medienzentrale der Landeskirche bietet darüber hinaus weitere spannende Kurz- und Spielfilme, die Sie für Ihre Arbeit in Kirchengemeinde oder Schule nutzen können. Stöbern Sie gerne ein wenig. Mittlerweile sind viele Titel auch als Online-Stream bzw. Download verfügbar.

Zum Online-Stream des Kurzfilms "Traces" über die Medienzentrale Hannover.

Arbeitskreis Kirche und Film

Sie haben Interesse sich näher mit dem Lebensraum Wald zu beschäftigen? Dann sind Sie herzlich zu der Veranstaltung „Die verletzte Schönheit. Mensch und Natur im Konflikt“ eingeladen: Gemeinsam als Gruppe wird unter Anleitung eines Försters der Wald erkundet. Später am Abend gibt es die Chance ins Gespräch zu kommen, als Impulse dienen Kurzfilme, die den Wald zum Thema machen. 

Anmeldungen sind ab sofort über die Hannoversche Bibelgesellschaft möglich.