Foto: Dr. Matthias Surall

Kunstwerk des Monats November 2020

INSTALLATION – GÜNTHER UECKER: Verletzungen – Verbindungen. VIERZEHN GEBROCHENE KREUZE, 2000. Standort: St. Marien zu Lübeck, südliche Chorumgangskapelle

Sie wanken – und stehen doch. Vierzehn Kreuze recken sich empor. Ihre zentralen Balken gründen mit einfachen Vierkant-Stützen auf dem Ziegelboden der gotischen Kapelle im Chorumgang von St. Marien, Lübeck. Einige sind rollbar, andere nicht.

Überlang streben die Kreuze in die Höhe. Hier und da erreichen sie die unterste Zone der gotischen Fenster, die den Blick unwillkürlich nach oben lenken, hin zum Licht. Etwa dort, wo man bei einer Kreuzigung den Körper des Hingerichteten anbrachte, sind die Balken mit Leinwand-Bahnen umwickelt. An den zentralen Kreuzungspunkten von Horizontalen und Vertikalen ist der Stoff so gewickelt, dass er das Zusammenfügen der schweren Balken unterstützen soll. Da dies die Stoffbahnen jedoch nicht allein leisten können, sind an den Kreuzungspunkten zusätzlich riesige Nägel angebracht, die mit großer Wucht eingeschlagen wurden.

Indessen, allen Bemühungen um Stabilität zum Trotz, wohnt der gesamten Kreuzesgruppe der Charakter des Notdürftigen und Herabsinkenden inne. Mit einer gewissen Fassungslosigkeit registriert der aufmerksam Schauende an jedem der Kreuze Indizien eines traurigen und hoffnungslosen Zustandes des Gebrochenseins. Ein Kreuz ist nur noch ein niedriger, gesplitterter Stumpf. Einige der höheren Kreuze sind in ihrer Hauptachse abgeknickt. Wie Häupter neigen sich ihre Balkenverbindungen zur Erde hin, darin an Verletzte erinnernd, die sich – von Schmerzen gebeugt – dem Niederfallen entgegenstemmen. 

Die gewickelten Binden mit ihrer schützenden Stofflichkeit setzen den destruktiven Kräften der vergehenden Balken etwas Bergendes und Aufbauendes entgegen. Doch an einigen Stellen hat sich der Stoff gelöst: Die ungefärbten Leinwandbahnen fallen hier schlaff herab, was eine fast theatralische Assoziation von leidend-hängender Leiblichkeit und deren gleichzeitiger Auflösung erzeugt. Unterstützt wird die abwärts gerichtete Tendenz durch weiße Farbe, die mit überwiegend vertikalen Bewegungen grob und fleckig auf Stoffe und Balken ausgestrichen wurde.

„Verletzungen – Verbindungen. Vierzehn gebrochene Kreuze“: Diesen kontrastreichen Titel gab der Künstler Günther Uecker der Werkgruppe. Die Arbeit gehört bis heute dem Künstler, ist also nur zu Gast im Kirchenraum. Nicht nur die gewählte Anzahl an Kreuzen – vierzehn – erinnert an die alte Tradition der Kreuzwegstationen, vor denen in der katholischen Glaubenswelt in der Passionswoche an den schweren Gang Christi zu seiner Hinrichtung am Kreuz erinnert wird. Ueckers Kreuzesgruppe übernimmt von diesem gleichsam leiblich-emotionalen Nachvollzug der Passion Christi auch die symbolisch zu verstehenden Brüche und Verletzungen der Balkenkonstruktionen.

Das hoch aufgerichtete hölzerne Kreuz verkörpert ein von Menschen für Menschen gemachtes Folter- und Tötungsinstrument. Die zeichenhafte Stellvertreterrolle, die das Kreuz in der Welt des Christentums seit Christi Hinrichtung und Auferstehung besitzt, wird in Günter Ueckers Gruppe aufgegriffen und gleichsam auf die Spitze getrieben, in dem nun die Kreuze selbst in einen Zustand des Leidens und Sterbens überführt werden. Dieser animistische Akt des Übertragens ins Sinnlich-Haptische, im Innersten tief verbunden mit uralten kultischen Ritualen, funktioniert für den Betrachtenden sozusagen selbsterklärend: Während man die lädierten Kreuze umschreitet, versteht man intuitiv, dass hier unbeseelte Gegenstände zu Symbolen für menschliche Existenz und Erfahrung geformt wurden.

Es sind jedoch nicht nur Verletzungen, die Uecker sinnlich erfahrbar machen möchte. Dem Zerfall setzt er Verbindungen entgegen: Als Gruppe suggerieren die eng zusammen stehenden Kreuze ein Gefühl des Verbundenseins. Hinzu tritt die Deutungsmöglichkeit einer liturgischen Anbindung, indem es sich beispielsweise um abgestellte Prozessionsgegenstände handeln könnte. Aus dieser Perspektive heraus bestünde aus der schuldbeladenen Vergangenheit kommend eine Verbindung in die lebendige Gegenwart hinein. Diese Gegenwart, so sagt Uecker, baue sich von den Opfern her auf. Er könne und wolle mit Gegenständen wie den vierzehn Kreuzen eine Schädelstätte wie Golgatha nicht wiederherstellen. Vielmehr wolle er dazu einladen, „im Wandeln, vielleicht in der Prozession, Geschichte auf uns [zu] vereinen. (G. Uecker im Interview mit Christoph Klimke über das Werk in St. Aegidien, in: Katalog Lost Paradise Lost, Hrsg. Jürgen Doppelstein, Hannover 2000, S. 272).

St. Marien in Lübeck – ein besonders hohes und lichtes Kirchengebäude der norddeutschen Backsteingotik – wurde von Günther Uecker bewusst als Standort für die Werkgruppe der vierzehn gebrochenen Kreuze ausgewählt. Es ist ein Ort, der die Wunden und Verletzungen, die der Zweite Weltkrieg den Menschen und ihren Städten zufügte, bis heute offen zeigt. Der erinnernde und mahnende Charakter verbindet St. Marien mit der Ruine der Aegidienkirche in Hannover, wo die Werkgruppe der vierzehn Kreuze – damals noch „ohne Titel“ – im EXPO-Jahr 2000 zuerst zu sehen war. Der Künstler sagte vor zwanzig Jahren in Hannover, dass sich für ihn an Orten wie St. Aegidien nicht nur Trauer offenbare, sondern zugleich auch Lebensfreude. Nicht nur Schrecken sei hier erlebbar, sondern auch Mitgefühl für die anderen.

Günter Uecker hat sein Leben lang die Nähe zu Themen der Schuld und Versöhnung gesucht und mit seinem künstlerischen Schaffen verbunden. 1930 in Mecklenburg geboren, studierte er nach einer handwerklichen Ausbildung Kunst in Wismar und in Berlin-Weißensee. 1953 verließ er nach dem Aufstand des 17. Juni die DDR und wechselte nach West-Berlin. Hier beschäftigte er sich mit Philosophie und Religion. 1957 begann Uecker mit ersten Nagelbildern. In demselben Jahr lernte er Otto Piene und Heinz Mack kennen, in deren Gruppe ZERO er 1961 eintrat. 1970 war Uecker mit drei weiteren Künstlern der deutsche Vertreter auf der Biennale in Venedig, 1976 wurde er zum Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf berufen. 1998/99 gestaltete Uecker in Form von sieben Tafeln den Andachtsraum im wiederhergestellten Reichstagsgebäude in Berlin.

Wie und in welcher Form werden Verletzungen verursacht, welche Spuren hinterlassen sie? Günther Uecker betrachtet diese Frage in seinem Schaffen immer wieder in verschiedensten Zusammenhängen. Die Quellen der Kunst sind für ihn nicht in der Kunst zu finden, sondern liegen außerhalb der Kunst. Asche ist für ihn Synonym für Tod und Verbrechen, Nägel sind Symbole des Stachels und des Schmerzes. Mit diesen und anderen Materialien wie Leinwand, Stricken, Hölzern, Pfählen, Sand möchte er seine individuelle Wahrnehmung, seine Erschütterung, seine Position zum Ausdruck bringen, „sich stellen“. [i] In diesem Sinne betrachtet Uecker sein künstlerisches Schaffen insgesamt als eine in Materialien, Gegenständen und Räumen realisierte Rückbindung geistig-seelischer Prozesse (er selbst sprach von einer „religio“[ii] im engsten Wortsinne). Seriell modulierend kann diese Verbindung einen inneren Dialog des Menschen auslösen, ihn – zeugenschaftlich eingebunden in das, was war, aber auch in das, was die Zukunft gibt – vielleicht sogar zu einem Aufbruch ermutigen.

Dr. Annegret Kehrbaum, Kunsthistorikerin, Kuratorin
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[i] Vgl. Günther Uecker. Poesie der Destruktion, 2013, Film von Michael Kluth; Günther Uecker. Der geschundene Mensch. Verletzungen/Verbindungen, 2007, 28 Min., Film von Michael Kluth, entstanden im Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa). Zur Thematik „Der geschundene Mensch“ in Verbindung gesetzt mit der Zahl Vierzehn (ein in den 1990er Jahren wurzelndes Motiv, vgl. den Themenkomplex „14 befriedete Gerätschaften), vgl. Katalog Günther Uecker: Der geschundene Mensch - 14 befriedete Gerätschaften, Hrsg. Kunsthalle Rostock, Rostock 2016.

[ii] Katalog Lost Paradise Lost, Hrsg. Jürgen Doppelstein, Hannover 2000, S. 272 (wie Anm. 1).