Baby of Control: Long Thin Planet and its Moons © Young Urban Performances e.V. | Foto: Carlos Pohlmann

Kunstwerk des Monats November 2021

PERFORMACE: Long Thin Planet and its Moons - Baby of Control

Baby of Control
Baby of Control: Long Thin Planet and its Moons © Young Urban Performances e.V. | Foto: Carlos Pohlmann

Immer wieder ist die extraterrestrische Band Baby of Control auf unser aller Heimatplanet Erde zu Besuch. Dass Baby of Control mehr ist als eine gewöhnliche Band, wird schon auf den ersten Blick deutlich. Ich möchte sie als Gesamtkunstwerk bezeichnen, die in ihren Performances ohne zu zögern Loveparade-Ästhetik und Triadisches Ballett – oder was ihr sonst gerade in die Finger kommt – mit elektronischen Klangwelten verbindet.

Baby of Control - Figur02
Baby of Control: Long Thin Planet and its Moons © Young Urban Performances e.V. | Foto: Carlos Pohlmann

Am 12. September 2021 folgte Baby of Control der Einladung des YUP Kollektivs zu KiBa im OliBa – einem All-inclusive-Kurzurlaub im Moskaubad. Dieses städtische Freibad in Osnabrück steht entgegen seiner Bezeichnung repräsentativ für einen Raum, der ganz und gar nicht frei ist von Diskriminierung. Das Freibad entpuppt sich als ein Sehnsuchtsort unerreichbarer Ideale und ist für viele Menschen ein Ort des Unwohlseins im eigenen Körper, der den Blicken anderer Badegäste ausgesetzt ist. Das YUP Kollektiv, das seit 2017 verschiedene Veranstaltungsformate mit Performancekunst realisiert und 2019 von der ev.-luth. Landeskirche Hannovers mit dem Kulturförderpreis ausgezeichnet wurde, stellte ein Programm zusammen, das die Freiheit feiern sollte. An einem Nachmittag lebten Performancekünstler*innen ihre Utopien vor, die diskriminierende soziale und gesellschaftliche Strukturen hinterfragen und Besuchende dazu einluden diese Unwirklichkeiten ungehemmt zu erkunden. So verwandelte sich das Moskaubad zu einem künstlerischen Erlebnis- und Begegnungsraum, in dem der Sommer KiBa schlürfend und Yuppie-Pommes essend ausklingen konnte. Den Duft von Sonnencreme noch in der Nase, waren die Blicke auf treibende Schwimmtiere im Pool und potentielles Miteinander gerichtet.

Baby of Control gewährte uns einen befreienden Blick auf unsere Gesellschaft durch die Brille einer anderen Galaxie:

»Da unser Heimatplanet nicht rotiert und die eine Hälfte stets von Wasser und die andere von Eis bedeckt ist, sind wir nachhaltig fasziniert von dem Konzept der Transformation und den Nuancen zwischen flüssig und fest, hell und dunkel, warm und kalt, weich und hart. Die Musik der Erde ist ein einzigartiges Mittel des Ausdrucks dieser verschiedenen Aggregatzustände und spricht von den vielfältigen Übertragungen unterschiedlicher Energien. Unsere Motivation, Erdenmusik zu reproduzieren, aufzuführen und diese damit wieder zu den Menschen zu bringen, ist unserem kosmischen Verlangen geschuldet, mehr zu werden als das, was die absoluten Zustände unseres Herkunftsplaneten vorgeben.« (Text von Baby of Control)

Das einstündige performative Konzert von Baby of Control zeigte jedoch keine Spur der Binarität, der zweigeteilten Gegensätzlichkeit ihres Heimatplaneten. Hingegen wurde die Freude an dem Nuancenreichtum unserer Erde, ihrem ständigen Transformationsprozess und ihren unendlichen Schattierungen nicht nur deutlich sichtbar und spürbar, sondern vor allem hörbar. Ihre handgearbeiteten, aufwendigen und schillernden Kostüme verfremden Menschliches, so dass die Band auf der zur Bühne erklärten silberglänzenden Plattform tatsächlich wie aus einer frei imaginierten Galaxie zu stammen schien.

Mit Tracks wie Blaue LaguneHaareSchweinenymphe Barbara oder dem Schwimmbad der Wut bedient sich Baby of Control aller Genres, die die Erdenmusik aufbietet und stellt diese in einen neuen Kontext. Sie heißen Mehrdeutigkeit und Vielfalt willkommen, was als Grundpfeiler für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft angesehen werden kann – sie lassen keine einfachen Antworten gelten.

Hier kann man in das aktuelle Projekt reinhören:

Ist doch irrwitzig, dass erst Reisende aus einer anderen Galaxie kommen müssen, um uns zu verdeutlichen, dass die „natürlichen“ Begebenheiten unseres Planeten ein Grund für unsere Unterschiedlichkeit und unseren Daseinsreichtum sind. Vielleicht ist es ein Weckruf, dass wir uns von dem lange kultivierten, binären System, das in richtig und falsch einteilt, verabschieden sollten und uns stattdessen in der Akzeptanz von Mehrdeutigkeit trainieren sollten.

Desirée Hieronimus
Kuratorin, Vermittlerin, Studentin
YUP-Kollektiv (Young Urban Performances, Kulturförderpreis 2019)

 

Abbildungen:
Baby of Control: Long Thin Planet and its Moons
Performance bei KiBa im OliBa, 12. Sept. 2021, Moskaubad Osnabrück

© Young Urban Performances e.V. | Foto: Carlos Pohlmann