Kunstwerk des Monats November 2022

Klagemauer von Natalia und Wladimir Rudolf (2021)

"Wusstest du schon?
... dass Gebete niemals umsonst sind?"

So ist die fünfte Station des Rundwegs „Friedensort2GO“ in Hermannsburg überschrieben. Der Friedensort2GO ist ein Projekt, das durch die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers gefördert wird und am Evangelisch-lutherischen Missionswerk (ELM) in Niedersachsen angeschlossen ist. Der Friedensort ist als Pilgerweg angelegt und vermittelt an insgesamt 6 Stationen relevante Grundlagen für Frieden. Dabei spielen die internationale Erfahrung der ELM-Angehörigen gepaart mit den künstlerischen Fähigkeiten des Künstlerehepaares Natalia und Wladimir Rudolf aus Munster, die den Weg entworfen haben, eine entscheidende Rolle.

Die Klagemauer von Wladimir Rudolf als Kunstwerk des Monats scheint signifikant für den Monat November und unsere Zeit zu sein: Zum einen ist der November traditionell der Monat der Gedenktage, die vom allgemeinen Totengedenken bis zum speziellen Gedenken an die Opfer von Krieg und Unterdrückung reichen. Mit diesem Gedenken verbunden ist stets die Hoffnung auf, die Sehnsucht nach Frieden. Zum anderen ist seit dem 24. Februar der Krieg wieder bittere Realität in Europa geworden.

Unter dem Motto „Hoffnung leben“ werden Besuchende und Interessierte an dieser fünften Station nun dazu inspiriert, ihre unbewussten Gedanken und Wünsche ins Bewusstsein zu heben. Und wo ginge dies besser als an einer Klagemauer?

Angelehnt an die westliche Mauer der Tempelanlage in Jerusalem soll dieses Kunstwerk die Menschen zum Nachdenken, Danksagen, Träumen und Wünschen anregen. Die ungewöhnliche Gestaltung alleine ist schon ein Grund innezuhalten. Erkennt man dann die Möglichkeit seine Wünsche, Gebete, Gedanken und Danksagungen auf einen kleinen Zettel zu schreiben und ihn in die Mauer zu geben, ist die Assoziation perfekt.

Genau dazu werden die Betrachter*innen eingeladen, denn an der Station heißt es: "Wir tragen jeden Tag bis zu 60.000 bewusste und unbewusste Gedanken mit uns und häufig lässt der Alltag keine Zeit sie zu ordnen und wahrzunehmen. Sie sammeln sich an und manchmal überfordern sie uns. Gerade dann hilft es, sie loszuwerden. Schreibe deine Gedanken, Wünsche, Klagen und Gebete auf und lasse alles hier in der Klagemauer. Das ist der erste Schritt zu deinem inneren Frieden."

Erst ein halbes Jahr vor Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine fertiggestellt und im Juni 2021 eingeweiht, wurde die Klagemauer als Ort für Friedensgebete genutzt. Viele Menschen fragen danach: "Was tun?" Auch Monate später ist das Bedürfnis nach Orientierung und Beistand groß. Es kommt derzeit viel zusammen, doch in dem Wust der aktuellen Sorgen und Krisen bietet das Kunstwerk von Wladimir Rudolf einen Anlaufpunkt, einen Ort, der Menschen anregt, ihre Sorgen und Wünsche in Worte zu fassen, dort zu hinterlassen und diese somit "abzugeben" bis sehr direkt an Gott zu richten.

"Das Klagen endet, wo wir loslassen können." (Michael Charbonnier)

Die aufgestapelten, rot getünchten und von einem schwarzen Metallrahmen gefassten Holzscheite bilden einesteils eine schlichte und 'aufgeräumte' sowie andernteils gerade durch diese alltagsbezogene 'Beschränktheit' der bildnerischen Mittel besonders eindrückliche Klagemauer. Die Frontflächen der hölzernen Scheite sind rot gefärbt, ein Rot, welches wir aus den nördlichen Ländern als Hausanstrich kennen und das sinnbildlich sowohl für (vergossenes) Blut als auch für Liebe stehen kann. Das Schwarz hingegen steht für die Trauer. Zwischen den Hölzern sind Lücken erkennbar. Diese und auch der Geruch des Objekts sind wahrnehmbar. Diese künstlerische Klagemauer ist kein betoniertes Gebilde, sondern strahlt durch das Holz ein wenig Wärme aus. Es erschlägt die Betrachter:innen nicht, sondern lädt zum Interagieren ein, zum Beispiel in Form einer spirituellen Atem- und Gebetspause. Die allansichtige Positionierung erlaubt den Besucher:innen zudem einen Rundumblick auf das Kunstwerk. Wer es selbst einmal ausprobieren möchte, ist herzlichst nach Hermannsburg eingeladen.

Die Möglichkeit einer digitalen Klagemauer findet sich hingegen hier

Felix Paul
Referent für Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste
der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers