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Kunstwerk des Monats Oktober 2020

POPKULTUR – Intensive Intertextualität oder: „Ich ist ein anderer“ – Bob Dylans neues Album ROUGH AND ROWDY WAYS

Wer sich dem Phänomen der Intertextualität nähern, es begreifen und studieren möchte, dem sei Bob Dylan empfohlen, insbesondere dessen letztes, im Juni erschienenes Werk ROUGH AND ROWDY WAYS.

Der Terminus Intertextualität gibt der Beobachtung einen Begriff, dass kein Text eine creatio ex nihilo darstellt, eine Schöpfung aus dem Nichts, ein beziehungsloses Geschehen. Vielmehr bezieht sich jeder Text, auch jeder Songtext, bewusst oder unbewusst, im- oder explizit auf andere Texte, Traditions- und Erzählstränge, Bilder, Motive oder anderes mehr. Anders gesagt: keine Kunst ohne Wiederholung in Variation. Also auch kein Song, der nicht musikalisch – dann ist von Intermedialität zu sprechen – und oder textlich-inhaltlich auf andere und anderes zurückgreift, es variiert, fokussiert, aktualisiert, transponiert usw. Das Phänomen der Intertextualität und -medialität selber kann nicht wegdiskutiert werden. Kein Kunstwerk und kein/e Künstler/in ist frei davon. Die Frage ist nur, ob es bewusst geschieht, ob ein Hehl daraus gemacht oder mit offenen Karten gespielt wird.

Bei Bob Dylan, dem Altmeister der Songmaler-Gilde und nach wie vor Großmeister des Versteckspiels und der Rochade, dem großen Schweiger und beredten Performer, liegt das alles auf der Hand, auch wenn die Zitate und Anspielungen, die Plagiate und Wiederholungen, die Neuinterpretationen und -arrangements selten bis nie als solche benannt werden.

In dieser Hinsicht macht sein neues Album ROUGH AND ROWDY WAYS, das mitten in die Hochzeit der ersten Welle der Corona-Pandemie hinein veröffentlicht wurde, eine hochinteressante und unterhaltsame Ausnahme. Denn hier kommt man der intertextuellen Finesse des Großmeisters dank intensiven Namen- wie Titel-Droppings seinerseits vergleichsweise schnell und geschmeidig auf die Schliche.

Dies gilt insbesondere für das Abschlussstück des im Juni erschienenen neuen Albums, dessen Titel bereits ein Zitat darstellt, dem „Shakespeare der Jukebox“ angemessen aus „Hamlet“: „Murder Most Foul“. Dieses epische Songgemälde, das Dylan mitten hinein in die Phase des transnational praktizierten Lockdowns am 27. März 2020 vorab mit einem einmaligen Gruß „to my fans and followers“ veröffentlichte, rankt sich um das US-amerikanische Trauma der Ermordung von John F. Kennedy im November 1963. Von diesem traumatischen Ereignis aus nimmt Dylan (popmusik-)kulturelle Wegmarkierungen, Protagonist*innen und Ereignisse in den Fokus. Er reiht im Sprechgesang über sparsamer Instrumentierung Anspielungen, Fragestellungen, Perspektivenwechsel sowie Film- und Songtitel aneinander, dass es eine intertextuelle Freude ist und einem intermedialen Fest gleichkommt:

Go down to the crossroads, try to flag a ride
That’s the place where Faith, Hope and Charity died
Shoot ‘em while he runs, boy, shoot ‘em while you can
See if you can shoot the Invisible Man
Goodbye, Charlie, goodbye Uncle Sam
Frankly, Miss Scarlet, I dont give a damn
What is the truth and where did it go
Ask Oswald and Ruby - they oughta know
Shut your mouth, says the wise old owl
Business is business and it’s murder most foul

 

Der bekannteste Bluestitel des großen Robert Johnson „Crossroads“ gibt hier den Schauplatz dieses Ausschnitts aus der 3. Strophe von Dylans Song vor. Die biblische Trias aus 1 Kor 13,13 stirbt an diesem Begegnungsort mit dem Leibhaftigen gleich mit und bei der natürlich vergeblichen Verfolgung des „Invisible Man“ bleibt die Wahrheit im Beziehungs- oder besser Ränkegeflecht von Uncle Sam, Miss Scarlett, Oswald und Ruby ebenfalls mit auf der Strecke. Was soll das Ganze sonst sein als ein großes Geschäft und ein höchst schäbiger Mord, kann man mit Dylan fragen oder eher lakonisch – sarkastisch – ent-täuscht festhalten. Welch großes, intermediales Songkino.

Auch der Auftakt des Albums geht intertextuell quasi in die Vollen, was wieder bereits mit dem Songtitel beginnt, diesmal ein Zitat von Walt Whitman: „I Contain Multitudes“. Dieser Titel, diese Phrase ist Programm bei Dylan und seinem fortwährenden Spiel mit dem Zwillingsmotiv sowie der Selbstinszenierung in verschiedensten Rollen. Er ist auch mit Blick auf das umfängliche Werk dieses einmaligen Songpoeten Programm, tut sich hier bei dem von Leonard Cohen zu Recht so genannten „Picasso of song“ doch wahrlich ein Kosmos auf.

I’m just like Anne Frank - like Indiana Jones
And them British bad boys the Rolling Stones
I go right to the edge - I go right to the end
I go right where all things lost - are made good again

I sing the songs of experience like William Blake
I have no apologies to make
Everything’s flowin’ all at the same time
I live on the boulevard of crime
I drive fast cars and I eat fast foods . . . I contain multitudes

Was für ein Bogen, der hier schon in der ersten zitierten Strophe gespannt wird, was für ein Horizont, der sich hier Auge und Ohr, Herz und Hirn zugleich eröffnet: Von Anne Frank – nota bene: Bob Dylan ist gebürtiger Jude – über Indiana Jones bis zu den Rolling Stones; vom Rand bis zum Ende, vom Verlust bis zur Allversöhnung. Diesem Songpoeten ist nichts Menschliches, Popkulturelles noch gar Göttliches fremd bis hin zum offensichtlichen Anklang an Offb 21,4+5. So gesehen, verstanden inkludiert das Lyrische Ich hier nicht nur das multiple Ich des Songpoeten, sondern lässt auch das Ich Gottes aufblitzen.

Dieser interpretatorische Ansatz, dieser Perspektivenwechsel hilft ebenso beim Verständnis zweier weiterer Songs aus dem Reigen dieses Albums: In „My Own Version Of You" arbeitet sich Dylan auf den ersten Höreindruck hin am Frankenstein-Narrativ ab. Doch richtig interessant wird es, wenn man das Lyrische Ich als das Ich Gottes interpretiert bis identifiziert, des Gottes, der in Anbetracht seiner Schöpfung des Menschen neu an eben dieses Werk gehen will …

Und schließlich der zarteste, berührendste Song des ganzen famosen Albums „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“:

If I had the wings of a snow white dove
I’d preach the gospel, the gospel of love
A love so real - a love so true
I made up my mind to give myself to you


Wer ist hier Ich und wen meint das Du? Sind der Sänger und Poet mit seiner Liebsten gemeint oder Gott und sein geliebtes Geschöpf? Und wer predigt hier das Evangelium der Liebe? Wie dem auch sei, dies steht fest: Die Selbsthingabe Gottes ist ein nicht überbietbares christologisches Theologoumenon. Die Selbsthingabe des Songpoeten an die Welt mittels seines umfangreichen Werkes – ROUGH AND ROWDY WAYS ist das inzwischen 39. Studioalbum von His Bobness – ist aber auch nicht zu verachten und allemal ein Kunstwerk des Monats wert.


Die zitierten Songausschnitte stammen von der offiziellen Website von Bob Dylan: http://www.bobdylan.com/albums/rough-and-rowdy-ways/
 

Dr. Matthias Surall