© Silke-Mohrhoff "Schläfer"

Kunstwerk des Monats Oktober 2021

Die Ruhe gestört, den Schlaf verfremdet - Silke Mohrhoffs "Schläfer"

Ernst Bloch unterschied in seinen Aufsatzsammlungen der frühen 1960er Jahre, Verfremdungen betitelt, zwischen den Konzepten “Entfremdung” und “Verfremdung.” Während “Entfremdung,” das ältere der beiden Worte, besagt, dass etwas zu veräußern ist oder Abstand von etwas oder jemandem genommen wurde, hat “Verfremdung” andere Konnotationen. Als ein Wort der industriellen Revolution (erstmals in den 1840er Jahren benutzt) beschreibt es ein typisches Gefühl der Moderne, ein Sich-mit-der-Welt-nicht-einig-Sein oder das Bewusstsein einer tiefgreifenden Verschiebung und Dislokation des Selbst. Wie von Bloch erläutert, hat Berthold Brecht die Verfremdung zum zentralen Thema des modernen Theaters gemacht und oft von “Verfremdungseffekten” gesprochen, nämlich den theatralen und visuellen Strategien, die das Reale so stark und abrupt verschieben, dass der Theaterbesucher oder Betrachter aus der Routine in eine überhöhte ästhetische Aufmerksamkeit übergeleitet wird.

Silke Mohrhoff ist eine Bildhauerin des Verfremdungseffekts. Ihre Serie der Schläfer – kleinste, modellierte Figuren, manchmal verstümmelt und gefesselt, die in unbequemen Ecken und Kistchen in einen heilenden Schlaf gefallen sind – spielt bewusst mit der Diskrepanz zwischen unserer eigenen körperlichen Verletzlichkeit und unserer Sorge für die Körper anderer. Überall wird gerastet, nirgends findet man offene Augen – wirkliche Ruhe scheint hier eine Unmöglichkeit zu sein, aber der Tiefschlaf tröstet dennoch. Ein derart erhöhtes Schlafbedürfnis spielt deshalb zwangsläufig auf die Krankheiten und die harte Arbeit an, die dem Einnicken vorangegangen zu sein scheinen. Mohrhoff führt uns vor Augen, wie eng die Stille des Schlafens und das Drama des Todes verknüpft sind, denn niemand scheint aus dieser schlafenden Welt je wieder aufzuwachen.

Die Darstellung eines Zwischendaseins, oder Zwischenbewusstseins, zwischen Wachen und Schlafen macht den Betrachter umso gespannter darauf, die ganzen Geschichten der Figuren zu erfahren, die Mohrhoff allerdings nicht preisgibt. So müssen wir nah an andere Wesen herangehen, um Ecken herumschauen und in Kisten gucken. Deckel zu alten Kästchen sind oft verlorengegangen, daher wirken sie jetzt wie alte, kleine, offene Särge. Wir machen uns Sorgen, wollen helfen und wissen, ob noch geatmet wird. Solch voyeuristische Strategien hat sich die Moderne oft eigen gemacht, vielleicht am prominentesten bei Marcel Duchamps Étant donnés (Philadelphia Museum of Art), des wohl berühmtesten, fast real inszenierten Attentat-Schauplatzes des 20. Jahrhunderts. Bei Mohrhoff allerdings bestechen die Schläfer durch Ihre Kleinheit, nicht Ihre Lebensgröße. Als Miniaturen sind sie sowohl durchaus menschlich – kleinste Abbildungen, oft nicht mehr als 15 cm groß, von unseren eigenen alternden Körpern – aber auch gänzlich unmögliche, fantastische Wesen: Embryone oder winzige, nicht bespielbare Puppen, mehr für Erwachsene gedacht als Kinder.

Neben der Miniaturisierung bedient sich Mohrhoff etlicher anderer Verfremdungsstrategien. Obwohl die plastische Kunststoffmasse, mit der sie arbeitet, völlig künstlich ist, legt sie großen Wert auf die Natürlichkeit der Farben, besonders für die Haut. Trotz des Realismus des Hauttons vergisst der Betrachter allerdings nie die letztendliche Härte und Glasigkeit des Materials, das der Haut einen recht keramischen Anschein verleiht. Nah dran am Realen und doch verfremdet. Die Körper der Schlafenden sind nicht nur winzig, sondern oft auch verletzt und verstümmelt und wurden dann behandelt, verbunden und versorgt. Arme und Beine, oder Hände und Füße, sind regelmäßig amputiert worden, und die Schlafposition scheint die einzige körperliche Stellung zu sein, die die Schläfer ohne zusätzliche Hilfe von Krücken oder Geländern selbst meistern können. Und wenn dies nicht schon genug wäre in Sachen körperlicher Einschränkung, verbindet und fesselt Mohrhoff die Figuren noch zusätzlich, knüpft manchmal sogar zwei Figuren zusammen: zwei Schicksale, die miteinander ein und denselben Schlaf zu halten scheinen und sich gegenseitig den Schmerz lindern. Der Schlaf der Schläfer ist also besonders labil, obwohl man sich hier von mehr als nur dem vorherigen Tag zu erholen scheint und eher einem existentiellen, tief heilenden Schlaf verfallen ist.

Auf geschlechtliche Merkmale verzichtet Mohrhoff meist auch: Einige ihrer Figuren sind andeutungsweise weiblich, aber die meisten Ihrer Werke haben nur wenige, manchmal sogar gar keine Anzeichen von Weiblich- oder Männlichkeit. Sie sind eher geschlechtslos oder besser, vorgeschlechtlich. Kleidung ist auch nur wenig vorhanden, und die meisten Schläfer, bis auf die Fesseln, sind nackt anzutreffen. Zugedeckt werden sie auch nicht; die Bettdecke und das Kissen scheinen noch nicht erfunden zu sein oder mussten zurückgelassen werden. Alle Haare sind lang, wallend und ungekämmt – Friseure gibt es noch nicht, oder nicht mehr – und manchmal sind auf dem Kopf der Schläfer auch nur noch ganz wenige einzelne Haare vorhanden. Wir treffen die Figuren der Schläfer im Heute an, werden allerdings den Eindruck nicht los, dass hier nichts alltäglich ist. Wir haben eventuell gerade eine Weltkatastrophe verpasst: Mohrhoffs Schläfer sind post-apokalyptische Wesen, aber auch unsere Verwandten.

Demzufolge sind wir Zeugen einer regelrechten Olympiade des Schlafens. Den Schlaf hat jeden überfallen, dort wo man gerade zuletzt gesessen hat. Bevor die Augen gänzlich geschlossen wurden, haben die Schläfer es noch in die nahgelegensten Schlupfwinkel geschafft, auch wenn diese nicht die bequemsten sind. Köpfe liegen an harten Ecken an, Schultern pressen sich gegen kalte Wände; ein oder zwei der Schläfer sind sogar kopfüber über einer Kante eingeschlafen. Sie wirken gleichermaßen ermüdet wie ermordet. Mohrhoff verleiht Ihren Figuren selten mehr Kontext als die kleine, unprätentiöse Behausung einer alten Kiste oder eines Gipspostaments. Manchmal, wenn Sie nicht direkt auf Holz aufliegen, hat die Künstlerin Ihnen fürsorglich einen kleinen Teppich untergelegt. Trotzdem wirkt hier nichts heimisch oder gar gemütlich. Das Schlafzimmer, als bürgerliche Institution, scheint weit in der Vergangenheit oder noch fern in der Zukunft zu liegen.

Da Mohrhoffs skulpturale Verfremdungseffekte derart visuell perfektionistisch sind, lässt sie die Betrachter über deren Bedeutungsspielraum selbst spekulieren. Es ist dennoch spürbar, dass der Künstlerin eine Geschichts- und Konsumkritik nicht gänzlich fern liegt. Wie Jonathan Crary das in seinem Buch 24/7: Late Capitalism and the Ends of Sleep näher auslegt hat, leben wir in einem Zeitalter des Rund-um-die-Uhr-Konsums, der uns eine ständige Wachsamkeit und Aufmerksamkeit aufzwingt, uns zum endlosen online-Einkaufen einläd. Während des Schlafens, wenn wir außer unseren eigenen Eindrücken des Tages nichts weiter konsumieren, verhalten wir uns besonders unproduktiv, systemstörend und antikapitalistisch. Mohrhoffs Schläfer sind außerdem Wesen, die von Krieg und Furcht gezeichnet sind, vielleicht sogar den Holocaust überlebt haben. Ihre Wunden und Verstümmelungen, sowie ihre Immobilisierung durch Fesseln, zeugen von physischer sowie psychischer Folter, von der sich jetzt schlafend erholt wird. Mohrhoffs Arbeiten stehen somit im Umkreis derjenigen deutschen Nachkriegskunst, die sich eine poetische, evokative Geschichtsverarbeitung zur Aufgabe gemacht hat. An ruhigen, normalen Schlaf, von 23 Uhr abends bis 6 Uhr morgens, ist da nicht zu denken.

Dr. André Dombrowski
Frances Shapiro-Weitzenhoffer Associate
Professor für Europäische Kunst des 19. Jahrhunderts,
University of Pennsylvania, History of Art, Philadelphia