© Bodenstiftung / Ruppe Koselleck

Kunstwerk des Monats September 2021

Concept Art: Ruppe Koselleck "Auf der Suche nach Kreuz Neun", 2003-2020

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Am 22. November 2020 endet die Suche am Venner Moor auf einem Spaziergang mit dem Fund der Kreuz Neun. © Bodenstiftung / Ruppe Koselleck

Die vielleicht längste Skatpartie - Ruppe Koselleck spielt mit Anonymen Ausspieler*innen. Die Kunst Ruppe Kosellecks entspringt aus und bedient sich frei an dem öffentlichen Raum. Im Umgang mit ihm entwickelt der Künstler für ihn geltende Spielregeln, nach denen er handelt, wenn er den Raum als Ressource für seine prozessorientierte Kunst nutzt. Das Langzeitprojekt Bodenstiftung macht Dinge des Alltags, scheinbar triviale Gegenstände, die auf dem Boden des öffentlichen Raums zu finden sind, zu Akteurinnen in seinen Spielen, deren Verlauf auf dem Blog der Bodenstiftung mitverfolgt werden kann. Mit den "Bodenfunden" oder dem "Stadtlaub" möchte der Künstler einen archäologischen Prozess vorwegnehmen und macht damit das kulturelle Material mit dem sich der Mensch umgibt sowie seine Allgegenwärtigkeit in der Umwelt sichtbar.

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© Bodenstiftung / Ruppe Koselleck

Das Sammeln ist keineswegs etwas, das leidenschaftlichen Hobby-Sammler*innen vorbehalten ist, noch wird es ausschließlich von Museen aller Art institutionalisiert und professionalisiert, sondern begann sich in den 1970er-Jahren als künstlerische Praxis und als eigenes Genre zu etablieren.[1] In dieser Praxis wird auf das Unscheinbare, das Nebensächliche, Vergessene und Verlorene der Alltagswelt aufmerksam gemacht, um es in einen neuen Kontext zu rücken, das »Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges in subjekt-sinnvolle Zusammenhänge zu überführen versucht«[2]. Die dafür charakteristische performative Inszenierung des Sammlungsverfahrens als künstlerische Arbeit ist nicht nur bei der Entwicklung der Spielkarten-Edition »Auf der Suche nach Kreuz Neun«, sondern bei allen Suchspielen der von Ruppe Koselleck ins Leben gerufenen Bodenstiftung wiederzufinden.

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Fund-Nr. 4033 C101 Karo Bube mit Fundliste aller gefundenen Einzelkarten. © Bodenstiftung / Ruppe Koselleck

Für jedes dieser Bodenspiele konstruiert er ein Inventarisierungssystem, das sich an bestehenden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Taxonomien orientiert und weist damit auf Ordnungssysteme hin, »die unser Weltbild prägen«[3]. Dafür aufgestellte Regeln bricht er kreativ und erfindet Worte wie die im öffentlichen Raum ausgespielten Bodenkarten.

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Erstes vorläufiges SKATBLATT - AUF DER SUCHE NACH KREUZ NEUN - zum 20. Jubiläum der Bodenstiftung, gemeinsam mit dem Kunst- und Kulturverein Drensteinfurt herausgegeben. 31 gefundene und nachgedruckte, hochvariable Spielkarten, ohne Kreuz Neun. Diese ist durch einen signierten Dummy ersetzt. © Bodenstiftung / Ruppe Koselleck

Am 14. Februar 2003 begann er die Suche nach diesen Karten. Die Spielidee dazu war wie folgt: Ruppe Koselleck spielt mit Anonymen Ausspieler*innen, – dies sind unbekannte Mitspielende, die ihre Karten in der Öffentlichkeit unwissend oder versehentlich in das Spiel bringen. Diese Karten sind einzeln wertlos und machen durch ihr Wegbleiben gleich ein ganzes Deck unnütz. In der von Ruppe Koselleck gesteuerten Kompilation von gefundenem und erfundenem Material – das als beinahe vollständiges Skatdeck mit Surrogat für die fehlende Kreuz-Neun über seine Website zu erwerben ist – gelingt es dem Künstler, die einzelnen Bodenkarten wieder in ihren ursprünglichen Kontext einzugliedern, nämlich dem Spielbaren. Gelten dürfen nur jene Karten, die nicht in Gaststätten, Casinos oder sonstigen Orten gefunden wurden, an denen eine Spielkarte zu vermuten wäre. Jede angenommene Karte wird mit Datum und Fundort inventarisiert und als originale Fundkarte aufbewahrt. Wenn alle 32 Einzelkarten für ein komplettes Skatspiel zusammengetragen worden sind, wird das Spiel für beendet erklärt. Ein künstlerisches Produkt ist jene Skatdeck-Edition »Auf der Suche nach Kreuz Neun«, die auf den langwierigen Prozess des Spiels hinweist.

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Sammlungssystematik der Skatblätter © Bodenstiftung / Ruppe Koselleck

Bis zum 13. März 2012 hatte der seit kurzem an der Universität Potsdam lehrende Ruppe Koselleck zu dem 32 Karten umfassenden Skatdeck 31 in teils mehrfacher Ausführung auf den Böden von »Münster über Osnabrück und Ulan Ude, Paris und Venedig, Dublin, Amsterdam, Kaliningrad und Moskau über Orbey und Heidelberg«[4] sowie an vielen weiteren Orten gefunden und in seine Sammlung aufgenommen. Seitdem fehlte nur noch die besagte Kreuz-Neun. Auf dem Weg dahin begann er gleich sechs parallel verlaufende Fundspielserien und dokumentierte etwa 6000 Einzelkarten.

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Die am häufigsten, alleinstehende und umherfliegende Spielkarte ist die Piek-Dame. © Bodenstiftung / Ruppe Koselleck

Die Unterschiede dieser werden durch ihre Homogenität deutlich. Auf die Vielseitigkeit in der Gestaltung von Skatdecks weist Ruppe Koselleck mit seinen reproduzierten Fundkarten als neugestaltetes Deck hin. Auf einer der beiden Kartenseiten sind die Funde in ihrer Größe vereinheitlicht, doch auf der anderen Seite zeigen sich ihre enormen Größenunterschiede, eine von ihnen ist beispielsweise bloß einen Zentimeter hoch. Aber auch die Abbildungen auf den Karten variieren: Während viele der Funde das klassische, in Deutschland weitverbreitete französische Blatt tragen, weisen andere »grenzpornografischen Darstellungen«[5] auf, in denen ausschließlich der weibliche Körper inszeniert wird, – was einen Schluss auf das Zielpublikum solcher Karte zulässt. Durch die Homogenität der gesammelten Gegenstände machte Ruppe Koselleck eine weitere Feststellung, der er einen ganzen Blogeintrag widmet: die am häufigsten vertretene Karte, die der Künstler als »alleinstehende« Piek-Dame vorstellt.

Im vollständigen Skatdeck, das im frühen 19. Jahrhundert festgelegt wurde, steht die Dame nicht alleine dar, sie ist Teil eines Hierarchiegefüges, das Zeugnis von patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen ist, indem der König die Dame schlägt – eine feststehende Regel, die es einst nicht umzustoßen galt, nun jedoch auch außerhalb von queer-feministischen Kreisen in die Kritik gekommen ist. Auch Abhilfe für das alte Blatt wurde bereits geschaffen: Die Psychologiestudentin Indy Mellink lancierte Anfang diesen Jahres das genderneutrale Kartendeck GSB Cards, das die althergebrachten Variante Bube, Dame, König durch das aus dem Sport bekannte System von Bronze, Silber und Gold ersetzt.

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Die letzte Karte zu einem vollständigen Skatspiel, nach fast 18 Jahren. © Bodenstiftung / Ruppe Koselleck

Vielleicht läutet eine solche Entwicklung gleich eine zweite Runde für Ruppe Kosellecks Suchspiel ein, fraglich bleibt dann, welche Karte die Anonymen Ausspieler*innen bei der Revanche bis zuletzt in den Händen halten. Denn dem künstlerischen Suchspiel oder der künstlerischen Suchkunst nach der Kreuz-Neun wurde nach 17 Jahren und 280 Tagen, am 22. November 2020 im Venner Moor ein Ende gesetzt.

Desirée Hieronimus
Kuratorin, Vermittlerin, Studentin
YUP-Kollektiv (Young Urban Performances, Kulturförderpreis 2019)

Anmerkungen
[1] vgl. Stefanie Lorey, Performative Sammlungen. Begriffsbestimmungen eines neuen künstlerischen Formats, 2020, S. 69f
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Ruppe Koselleck, Kreuz Neun gefunden, Bodenstiftung [Webblog], 23.11.2020, https://bodenstiftung.blogspot.com/2020/11/kreuz-neun-gefunden.html, zuletzt abgerufen am 02.09.2021.
[5] Ruppe Koselleck, Ein signiertes Skatblatt,…, Bodenstiftung [Webblog], 24.02.2021, https://bodenstiftung.blogspot.com/2019/03/ein-signiertes-skatblatt.html, zuletzt abgerufen am 02.09.2021.