Kunstwerk des Monats September 2022

Spielraumaltar von Dorothee Bielfeld

Ein Kunstprojekt für die Immanuelkirche Köln Longerich im Rahmen des 30. Evangelischen Kirchbautags in Köln.

Spielerisch. Unfertig. Beziehungsreich. Und: Leichtfüßig.

1. Spielerisch

Im Spiel entdeckt sich der Mensch, erschließt sich seine Welt, wird ganz – über das rein Funktionale hinaus. Spielend stellen wir fest, wie wohltuend es ist, die Welt des Festgefügten zu ver-rücken; den Standort zu verändern, die Perspektive zu wechseln. Wer spielt, gewinnt Spiel- und damit Freiraum, Inspiration und Horizonterweiterung. Wer spielt, lässt sich auf Neues ein. Wer einen Spielraum eröffnet, will all das und noch viel mehr: Begegnung und Austausch der Spielenden und ein Experimentierfeld mit offenem Ausgang.

Dabei brauchen wir beides: das Ritual, die Wiederkehr des erkennbaren und wohltuend Gleichen und das Spielerische, Unbestimmte und Freie. Das Ritual braucht auch Freiraum, Variationsbreite. Und das Spiel braucht einen Rahmen, Spielregeln, Ort und Zeit. So ist das im Leben, Feiern und Arbeiten, im Gottesdienst am Sonntag wie im Alltag der Welt.

2. Unfertig

Das Spielerische und das Geerdete und noch viel mehr verbindet sich mit spielraumaltar, dem Kunstprojekt von Dorothee Bielfeld für die Immanuelkirche in Köln Longerich. Für diese große, typische Hallenkirche aus den 1960er Jahren, die mit Leben zu füllen und zeitgemäß mit Gottesdiensten zu bespielen eine Herausforderung ist. Die künstlerisch zu ergänzen, weiterzuentwickeln, wichtig ist, um sie im Spiel zu halten, neu nutzen zu können. Mitten hinein in eine unfertige Gemeindesituation, die durch Umbruch, Fusion und neue Horizonte inklusive mancher Ängste gekennzeichnet ist. Und das Ganze im Vorfeld und im Rahmen des 30. Evangelischen Kirchbautages, der im September in Köln stattfinden wird und das Motto „Mut baut Zukunft“ trägt und transportiert. „Mut baut Zukunft“, das ist Programm, Erfahrung und Zuspruch.

„Mut baut Zukunft“ – ein Dreiklang wie auch spiel raum altar.

Klar ist: dieses Kunstwerk ist abgeschlossen und unabgeschlossen zugleich. Es ist fertig im ganz basalen Sinne, aber eben auch nicht. Und das letztere bezieht sich nicht nur darauf, dass hier noch ein ebenfalls kunstvolles, vielfältiges und spezielles Parament hinzukommen wird…

Spielraumaltar ist bewusst und bleibt es auch: unfertig. Dieses Kunstprojekt ist im besten Sinne als work in progress zu begreifen und bestimmen.

3. Beziehungsreich

Dieser Altar ist wie auch diese Gemeinde im Übergang als work in progress zu verstehen. Denn er steht in Beziehung, er verändert zudem sich und andere/s durch diese Beziehungen. Da ist zunächst die Beziehung zum Raum dieser Kirche, die ja schon einen fest installierten Altar an ihrer Stirnseite hat. Je nachdem, wo der spielraumaltar in diesem Kirchenraum aufgebaut wird, verändert er diesen, sich selber und auch die diesen Raum Bespielenden und Nutzenden…

Diese Beziehung des Kunstwerks zum Raum, zu seinem jeweiligen Realisierungsort, ist typisch für die Arbeit von Dorothee Bielfeld. Eine Künstlerin, die stets beziehungsreich arbeitet. Deren Kunst nicht als l’art pour l’art für sich steht, sondern eingebettet ist und gerade durch ihre Verbindungslinien und Kontexte zu dem wird, was sie ist und will.

Der spielraumaltar wird zu diesem erst in diesem Raum. Er konstituiert dieses für ihn geschaffene Kunstwerk als eben diesen spielraumaltar. Zugleich – und das kennzeichnet die wunderbare Wechselbeziehung – lässt dieses kunstvolle Altarprojekt den Raum nicht einfach so, wie er seit 60 Jahren ist. Nein, der spielraumaltar öffnet diesen Raum und zentriert ihn neu. Hier ergeben sich so neue Perspektiven, Optionen, Spielräume.

Da ist weiter die Beziehung zu denen, die diese Kirche nutzen, in erster Linie, aber nicht nur als Ort des Gottesdienstes. Auch hier geschieht etwas dank dieses Kunstwerkes und je nachdem, wie es hier platziert und genutzt wird. Das, was hier passiert, sich ereignen kann, ist eine Befreiung, z.B. vom Frontalunterricht einer oben-unten-Liturgie, einer starren Sitz- und Gestaltungsordnung, die es selbst dem Heiligen Geist erschweren könnte, so frei zu wehen, wie er das gerne tut…

Jetzt hingegen kommt Augenhöhe ins Spiel, denn mit diesem Altarprojekt verbinden sich drei Nutzungshöhen, je nachdem, wie die beiden Bauteile zu stehen oder liegen kommen. An diesem Altartisch lässt es sich auf Augenhöhe zusammenkommen. Klein und Groß finden und haben hier ihren Ort.

Doch spielraumaltar hat in, mit und unter alledem noch eine Beziehung. Ich meine die seiner beiden Bestandteile zu sich selber. Die beiden Teile dieses Altarkonzepts können so unterschiedlich und vielfältig angeordnet, arrangiert werden, dass sich auch dadurch diverse Nutzungsmöglichkeiten, Sichtweisen, Akzentuierungen ergeben. Die beiden gleichen Köper dieses Altars stehen dabei auch sinnbildlich für die beiden Gemeinden, die hier zusammenkommen und fusionieren werden. Sie sind erstmal gleich, können sich aber sehr unterschiedlich zu- und mit- oder auch mal gegeneinander positionieren. Und sie können hier zu und an einem Tisch zusammenkommen, sich begegnen, austauschen, gemeinsam Gottesdienst und das Leben feiern…

Das kombinatorische Potential der beiden reduzierten, gleichen und ‚cleanen‘ Körper in Beziehung zu- und miteinander ist schier unerschöpflich und will im Spiel von Liturgie, Kommunikation und Alltagsnutzung ausgelotet werden.

4. Leichtfüßig

Dorothee Bielfeld ist Künstlerin und als solche Grenzgängerin. Denn sie ist Bildhauerin, Architektin und Dozentin. Sie arbeitet, gestaltet mit Holz und Stein, mit Stoff und Spiegeln, mit Wasser, Papier und Metall. Sie kreiert Bühnenbilder für Theaterstücke, installiert Bodenspiele und gestaltet Flächen im öffentlichen Raum. Und sie bringt Kirchen in Bewegung mit ihrer Kunst.

Als Bochumerin ist sie geerdete Westfälin. Doch schon Johannes Rau wies als ehemaliger NRW-Landesvater gerne augenzwinkernd auf die westfälische Leichtfüßigkeit hin. Und auch diese ist bei Frau Bielfeld mit im Spiel. Wer schwere, altehrwürdige Kirchenbänke in Bewegung bringt, ja schweben lässt, ich spreche von ihrer Installation „Aufbrechen“ in Essen-Kettwig [1], wer das reflektierte Licht aus Glasfenstern sich neu im Kirchenraum ergießen lässt („Erleuchtung“ in Saarbrücken [2]) und den Windhauch des Geistes künstlerisch erahnen lässt („Atemwende“ in Bochumr [3]), die weiß und versteht etwas von Leichtfüßigkeit.

Und genau dieses Leichte, Lebendige und Variable verbindet sich hier auch mit diesem Altar- und Kunstprojekt in der Kölner Immanuelkirche. So massiv und reduziert die beiden diesen Altar bildenden Teile sind, so variabel, flexibel, vielfältig lassen sie sich einsetzen, in Beziehung bringen und seine Nutzer*innen raus aus der Starre und hinein in die Bewegung… Und das ist gut so. Nicht zuletzt für diese 60er Jahre Kirche, die damit eine künstlerische Weiterentwicklung erfährt, die in ihr und mit ihr neue Nutzungsoptionen eröffnet.

Dr. Matthias Surall
Pastor, Beauftragter für Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste
der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers