© B. Schwabe. Ausschnitt aus dem Saal des "Apollo Kino", Hannover

Filmmaterialien

Die im Folgenden vorgestellten prämierten Filme wurden im Rahmen des Kirchen-und Kino-Projekts gezeigt, das 2007 in der Fläche der hannoverschen Landeskirche gestartet ist und weiter fortgeführt wird. Sie finden alle Filmbesprechungen der bisherigen Staffeln in alphabetischer Reihenfolge zum Download in der rechten Spalte.

Filmbesprechungen zum Download

A WAR (DK 2015. Regie: Tobias Lindholm)

Bei einem Einsatz in Afghanistan geraten dänische Soldaten unter heftigen Beschuss, bei dem ein Soldat verletzt wird. Der angeforderte Luftschlag tötet jedoch elf Zivilisten und bringt den Kommandanten vor ein dänisches Gericht. Ohne moralisch zu bewerten verschränkt das Drama dabei zwei Perspektiven, die des militärischen Handelns und die des zivilen Lebens.

ADAMS ÄPFEL (DK 2006. Regie: Anders Thomas Jensen)

Ein mit biblischen Verweisen spielende Fabel voller absurder Überraschungen, realistisch und märchenhaft, heiter und düster zugleich. Stilistisch eindrucksvolle Reflexion der Theodizeefrage, gegen eindimensionale Weltbilder; für Vielfalt und Menschlichkeit gegen alle Widerstände und Vorurteile.

ALL IS LOST (US 2013. Regie: J. C. Chandor)

All is Lost
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Ein alter Mann segelt allein im Indischen Ozean. Der mit seinen sparsamen Mitteln ganz auf Mensch und Boot konzentrierte Film setzt auf die wachsende Identifikation des Publikums mit dem von Naturgewalten heimgesuchten Segler. Ein minimalistischer Film, dessen Freude am dramatischen Detail mehr und mehr existenzieller Kontemplation weicht.

AM ENDE EIN FEST (ISR/D 2014. Regie: Tal Granit, Sharon Maymon)

Eine Gruppe von Senioren hat sich im Altersheim zusammengetan, um einem schwerkranken Mitbewohner das Sterben zu erleichtern. Da keiner sich überwinden kann, den Freund zu töten, baut der ehemalige Ingenieur Yehezkel eine Suizid-Maschine. Kein Plädoyer für Sterbehilfe, sondern ein überraschend unterhaltsamer Diskussionsanstoß über Grundfragen zum Thema.

AM ENDE KOMMEN TOURISTEN (D 2007. Buch und Regie: Robert Thalheim)

Wie kann man Auschwitz zeigen, ohne bekannte Bilder einfach zu verdoppeln? Robert Thalheims Film meistert sein heikles Sujet spielerisch leicht und zugleich mit großer Ernsthaftigkeit. Ein Lehrstück über eine mögliche deutschpolnische Normalität fern aller Betroffenheitsplattitüden.

AM SONNTAG BIST DU TOT (IRL 2014. Regie: John Michael McDonagh)

Im Beichtstuhl erfährt ein irischer Priester, dass er ermordet werden soll, um für die Verfehlungen eines Amtsbruders zu büßen. Ihm bleiben sechs Tage zur Erledigung seiner irdischen Angelegenheiten. Der zwischen Situationskomik und efgründigkeit wechselnde Film zeichnet das vielschichtige Bild eines Priesters, der seine Aufgaben wichtiger nimmt als die persönliche Bedrohung.

ANGELS' SHARE (GB/F/B 2012. Regie: Ken Loach)

Angel's Share
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Regisseur Ken Loach erzählt gekonnt und mit viel Humor ein Märchen aus den Glasgower Vorstädten: Sein mutmachendes Plädoyer bleibt, dass Jugendliche aus eigener Kraft einen Ausweg aus der Hölle der Arbeitslosigkeit, Armut und Verwahrlosung finden.

ANOTHER YEAR (GB 2010. Buch und Regie: Mike Leigh)

Another Year
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Ein Jahr im Leben eines gut situierten Paares, dessen gastfreundliches Haus Ort für weniger zufriedene Freunde ist, woraus sich teils komische, teils tragische Verflechtungen ergeben. Die Alltagsstudie befasst sich mit den Bedingungen von Zufriedenheit und Lebensglück bzw. Scheitern und fasziniert durch ihren ungeschönten, gleichwohl liebevollen Blick auf ihre lebensvollen Figuren.

ARRIVAL (US 2016. Regie: Denis Villeneuve)

Zwölf mysteriöse Raumschiffe landen zeitgleich in unterschiedlichen Regionen der Welt. Um globale Paranoia und einen potentiellen Krieg zu verhindern, soll ein Team von Sprachwissenschaftlern im Auftrag des Militärs Kontakt herstellen. Doch das unermüdliche Streben nach Antworten gerät bald zum Rennen gegen die Zeit. Nachdenklich-kluger Science-Fiction-Film mit Tiefgang.

BABEL (US/MEX 2006. Regie: Alejandro González Iñárritu)

Babel
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Die Stärken des Films liegen in der Beobachtung transkultureller Gemeinsamkeiten im Kleinen. »Babel« ist, wie der Titel signalisiert, eine Reflexion über die Verständigungsprobleme zwischen den Kulturen und zwischen den Generationen. Ein taubstummes Mädchen steht bildhaft für die Begrenztheit verbaler Kommunikation.

BAL - HONIG (TRK/D 2010. Regie: Semih Kaplanoğlu)

BAL - Honig
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Der Film verweist auf die Verbindung des Menschen mit der Natur, von der wir nicht nur materiell, sondern auch spirituell leben und betont dabei die familiären Beziehungen und das Engagement in der Gemeinschaft. Der Regisseur lässt sich mit ruhigem Atmen und fesselnden Bildern auf den Lebenskosmos seiner Hauptfigur, dem 6-jährigen Yusuf, ein.

BARBARA (D 2012. Regie: Christian Petzold)

Barbara
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In der DDR der frühen 1980er-Jahre plant eine Ärztin ihre Flucht in den Westen. Durch eine neue Arbeit in einem Provinzkrankenhaus an der Ostsee sowie die Begegnung mit dem dortigen Chefarzt kommen ihr Zweifel. Eindrucksvoll gespielt und inszeniert, nutzt der Film die angedeutete Liebesgeschichte, um differenziert und grundsätzlich Freiheits- und Glücksmöglichkeiten auszuloten.

BEN X (B/NL 2007. Regie: Nic Balthazar)

Leidensgeschichte eines Schülers, der gesellschaftlichen Normen und Zwängen nicht zu entsprechen vermag. In einer noch nie gesehenen Collage aus Realfilm- und Onlinespielsequenzen erschließt der Film Bens Innenwelt. Faszination der Cyberwelt und der Kinofiktion verschmelzen und eröffnen ungewöhnliche Wahrnehmungen.

BIRDMAN (US 2014. Regie: Alejandro González Iñárritu)

Ein ehemaliger Superhelden-Darsteller will als Regisseur am Broadway eine neue Karriere starten. Kurz vor der Premiere scheinen sich Kollegen, Kritiker sowie sein eigenes „Superhero“-Alter Ego gegen ihn verschworen zu haben. Das virtuos inszenierte, schwarzhumorige Drama zeigt einen Helden in
existenzieller Angst vor dem Scheitern.

DAS BRANDNEUE TESTAMENT (F/B/LUX 2014. Regie: Jaco Van Dormael)

Gott lebt in Brüssel, ist aber kein weiser Weltenlenker, sondern ein Sadist, der vor seinem Computer hockt und Frau und Tochter Èa tyrannisiert. Als Èa eines Tages aufbegehrt und den göttlichen Computer hackt, muss Gott sich widerwillig unter die Menschen begeben. Großartige, grob-satirische und letztlich doch feinfühlige Komödie voller grotesker Einfälle.

DAS ENDE IST ERST DER ANFANG (B/F 2015. Regie: Bouli Lanners)

Auf der Suche nach dem Handy ihres Bosses treffen zwei alternde Kopfgeldjäger auf ein Pärchen, das an die bevorstehende Apokalypse glaubt und gerade aus der Psychiatrie ausgebrochen ist. Großherzig und weise kommt das in seinem Einfallsreichtum und seiner zutiefst empfundenen Menschlichkeit berührende Roadmovie ohne jede falsche Note aus.

DAS LEBEN IST NICHTS FÜR FEIGLINGE (D/DK 2012. Regie: André Erkau)

Ein Mann verliert seine Frau. Er und die Tochter trauern, können sich in ihrer Sprachlosigkeit kaum helfen. Die Oma kämpft derweil mit ihrer Krebsdiagnose. In ernster Leichtigkeit nimmt sich der Film seines Themas an, überzeugt durch glaubwürdige Figuren, komische Spitzen und durch Sensibilität für den Trauerprozess.

DAS MÄDCHEN WADJDA (D/Saudi-Arabien 2012. Regie: Haifaa Al Mansour)

Ein selbstbewusstes 12-jähriges Mädchen lebt allein mit seiner Mutter in Riad und wünscht sich sehnlichst ein Fahrrad. Radfahren gilt in der wahabitischen Tradition des Islam für Mädchen als unschicklich. Der unterhaltsame und spannende Film fesselt als kritisches Gesellschaftsporträt; als kraftvolles Plädoyer für individuelle und gesellschaftliche Freiheit.

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER (USA 2017. Regie: Martin McDonagh)

Eine Abiturklasse in der DDR entschließt sich 1956 zu einer Schweigeminute,um der Opfer des Ungarnaufstandes zu gedenken. Den Zusammenhalt derKlasse wertet der Staat als konterrevolutionären Akt, und allen Schülern wirdmit dem Ausschluss von der Abiturprüfung gedroht. Auf wahren Begebenheiten beruhendes Drama, mitreißend und souverän inszeniert.

DEIN WEG (US/E 2010. Regie: Emilio Estevez)

Eine reizvolle Auseinandersetzung mit dem Jakobsweg und ein sehenswerter Film, der die Vielgestaltigkeit und Ambivalenzen des modernen Pilgerns reflektiert. Er nimmt mit auf eine äußerlich ruhige, aber von inneren Spannungen geprägte Reise. Eine berührende Vater-Sohn-Geschichte, die spirituelle Dimensionen eröffnet.

DER WERT DES MENSCHEN (F 2015. Regie: Stéphane Brizé)

Thierry ist seit eineinhalb Jahren arbeitslos und kämpft mit seiner Familie gegen den sozialen Abstieg. Der Film folgt ihm durch die Welt der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und seziert die Mechanismen, denen zwischenmenschliche Beziehungen im Rahmen moderner Arbeitswelten unterworfen werden. Großartige Darstellung eines packenden Dramas über die Selbstachtung des Menschen.

DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG (FIN/D 2017. Regie: Aki Kaurismäki)

Aki Kaurismäki erzählt von einem syrischen Flüchtling, der auf der Suche nach seiner Schwester in Helsinki auf einen unkonventionellen Restaurantbetreiber trifft und trotz unüberwindbar erscheinender Hindernisse ungeahnte Solidarität erfährt. Perfekt inszeniertes, ebenso witziges wie zu Herzen gehendes Werk, getragen von Lakonie und Humanismus.

DIE BAND VON NEBENAN (ISR/F 2007. Regie: Eran Kolinin)

Eine kleine Geschichte, die am Rande der großen Auseinandersetzungen im Nahen Osten spielt und vom Abbau von Fremdheit und Feindschaft erzählt. Humorvoll und zurückhaltend wird diese interkulturelle Begegnung zwischen Ägyptern und Israelis zu einem Sinnbild für eine Verständigung, die den Anderen in seinem Anderssein ernst nimmt.

DIE GÖTTLICHE ORDNUNG (CH 2017. Regie: Petra Volpe)

Nora, eine junge Hausfrau und Mutter, lebt 1971 mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem beschaulichen Schweizer Dorf. Die Idylle gerät jedoch ins Wanken, als sie beginnt, sich für das Frauenstimmrecht einzusetzen. Chauvinistische Vorurteile und echte Frauen-Solidarität treffen in dieser warmherzigen Komödie aufeinander.

DIE JAGD (DK/S 2012. Regie: Thomas Vinterberg)

Thomas Vinterberg zeigt, wie dünn der Firnis sozialen Miteinanders ist: Ein ungeheurer Verdacht steht im Raum, an dem selbst langjährige Freundschaften zerbrechen. Eine ausgezeichnete Studie über die Wirkungslosigkeit der Unschuldsvermutung, über die Zerbrechlichkeit von Freundschaften und der Schwierigkeit einer Versöhnung.

EASY RIDER (US 1969. Regie: Dennis Hopper)

Ein mit geringen Mitteln produziertes Roadmovie, in dem sich die gefährdeten Träume und das rebellische Lebensgefühl der Rockgeneration gegen Ende der 1960er Jahre beispielhaft artikulieren. Zu den Bildern und Bewegungen des Films gesellt sich die Musik als gleichberechtigter Kommunikations- und Bedeutungsträger.

ELDORADO (CH/D 2018. Regie: Markus Imhoof)

Dokumentarfilmer Markus Imhoof durfte die Operation «Mare Nostrum» mit der Kamera begleiten. Sein Film folgt dem Weg der geflüchteten Menschen, nachdem sie vor Lampedusa aus dem Meer gerettet wurden. Mit unaufgeregter Regie und unbequemen Fragen schlägt er einen poetischen Bogen zur eigenen Familiengeschichte während des 2. Weltkrieges.

ELSER (D 2014. Regie: Oliver Hirschbiegel)

Nach seinem missglückten Attentat auf Hitler am 08.11.1939 wird Georg Elser an der Schweizer Grenze verhaftet, gefoltert und schließlich ins KZ Dachau eingeliefert. In die exemplarische Biografie des Widerstandskämpfers fließen eindrucksvoll Fragen nach der Verantwortlichkeit des Einzelnen gegenüber politischem Unrecht, aber auch nach Schuld und Glauben ein.

ESMAS GEHEIMNIS – GRBAVICA (A/BIH/KRO/D 2005. Regie: Jasmila Zbanic)

Der Film leuchtet aus, was sonst vergessen wird: die Wunden weiblicher Kriegsopfer, die nach vielen Jahren noch offen sind. Dem beschädigten Alltag gewidmete Pubertätsgeschichte eines zwölfjährigen Mädchens, die anders als ‚normal’ verläuft. Die unspektakuläre Erzählung lässt glaubhaft so etwas wie Hoffnung aufkommen.

GOOD NIGHT, AND GOOD LUCK (US 2005. Regie: George Clooney)

Ein Plädoyer für Rechtsstaat, Bürger- und Menschenrechte. Der Film erweckt zugleich Respekt und Bewunderung für die Wahrhaftigkeit, Zivilcourage und Leidenschaft unabhängiger Journalisten.

HANNAH ARENDT (D/L/F/ISR 2012. Regie: Margarethe von Trotta)

Hannah Arendts Leben auf die Spanne von zwei Jahren verdichtet, um ihre Person und ihr Denken kaleidoskopartig sichtbar zu machen: Die streitbare Intellektuelle, die selbstbewusste, liebende, humorvolle Frau, die kritischsolidarische Freundin. Auf diese Weise entsteht ein facettenreiches Porträt der Philosophin.  

HAPPY-GO-LUCKY (GB 2008. Regie: Mike Leigh)

Glück kann darin bestehen, Erfahrungen anzunehmen und weiterzugeben, sich zu entwickeln, das Unglück anderer zu respektieren. Eine typische englische, exzentrische Charakterkomödie.

ICH, DANIEL BLAKE (GB/F 2016. Regie: Ken Loach)

Meisterregisseur Ken Loach erzählt von einem verwitweten Zimmermann, der nach einem leichten Herzinfarkt in die Mühlen der Bürokratie gerät. Unversöhnlich und mit bissigem Humor schildert Loach das britische Sozialhilfesystem als raffinierte Maschinerie von Ausgrenzung und Leistungskürzung. Gewinner der Goldenen Palme in Cannes 2016.

IDA (PL/DK 2013. Regie: Pawel Pawlikowski)

Anfang der 1960er-Jahre macht sich eine junge Novizin auf eine Reise in die eigene Vergangenheit und wird von ihrer desillusionierten Tante über ihre jüdische Herkunft und die Ermordung ihrer Eltern im Holocaust aufgeklärt. Das überzeugend gespielte Drama erzählt mit strengen schwarz-weißen Bildern von den Narben der Verbrechen des 20. Jahrhunderts.  

IM TAL VON ELAH (US 2007. Regie: Paul Haggis)

Ein Ex-Militär der US-Army, dem Wertesystem militärischer Kategorien verpflichtet, macht sich auf die Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Am Beispiel eines Einzelschicksals erzählt der Film von der psychischen Deformation der USA, die die Widersprüche zwischen idealistischem Selbstbild und der Realität des sinnlosen Tötens nicht verarbeitet.

IM WINTER EIN JAHR (D 2008. Regie: Caroline Link)

Hindernisse, die die Menschen trennen, obwohl sie sich lieben. Bilder eindrucksvoller und kreativer Kraft. Ein kompositorisch reiches Gefühlskino, populär und intelligent zugleich. Durch die Krise der Figuren wird Verlorenheit erfahrbar, aber auch die heilende Wirkung der Kunst.

IN DEN GÄNGEN (D 2018. Regie: Thomas Stuber)

Christian war im Gefängnis und bekommt in einem Großmarkt die Chance aufeinen Neuanfang. Schweigend taucht er in das unbekannte Universum ein, freundet sich mit dem Gabelstaplerfahrer Bruno an und verliebt sich in die «Süßwaren-Marion». Mit warmherzigem Humanismus erzählt der Film von einer Atmosphäre familiärer Freundschaft, die im Alltag kaum eine Chance hätte.

JULIETA (E 2016. Regie: Pedro Almodóvar)

Ein über einen Zeitraum von 30 Jahren erzähltes, komplex verwobenes Drama um eine Frau und Mutter, deren unbewältigte Trauer über den Tod des geliebten Mannes in der Konsequenz zum Verlust der eigenen Tochter führt, die sich einer Sekte anschließt. Vom spanischen Ausnahmeregisseur Almodóvar assoziationsreich und meisterhaft inszeniert.

JUNEBUG (US 2005. Regie: Phil Morrison)

Ein Bild einer tiefen intrakonfessionellen sowie kulturellen und sozialen Spaltung der heutigen USA, wie es präziser kaum sein könnte. Die aufeinander-prallenden Welten des evangelikalen ländlichen Südens und des urbanen Nordens spielt der Film jedoch nicht gegeneinander aus.

KIRSCHBLÜTEN – HANAMI (D 2008, Regie: Dorris Dörrie)

Meditation einer Trauerarbeit. Ein Witwer begreift spät die Seelentiefe seiner Frau. Die Reise ins eigene Ich bringt bei ihm Saiten zum Klingen, die zuvor im Alltag erstarrten. Christliches wie buddhistisches Gedankengut verbinden sich zur Frage, ob unsere Lebensführung nicht an einem Punkt angelangt ist, der zur Einkehr, vielleicht auch zur Umkehr auffordert.

KÖRPER UND SEELE (Ungarn 2017. Regie: Ildikó Enyedi)

Die introvertierte Maria und ihr Kollege Endre stellen durch einen Zufall fest, dass sie Nacht für Nacht denselben Traum teilen. Verwirrt und erstaunt überdiese intime Verbindung suchen die beiden zaghaft die Nähe des anderen. Eine sensible Liebesgeschichte voller bezaubernd-surrealer Details, die auf der Berlinale 2017 als bester Film ausgezeichnet wurde.

KREUZWEG (D 2014. Regie: Dietrich Brüggemann)

Eine 14-jährige Schülerin wächst in einer kath.-fundamentalistischen Gemeinschaft auf. Sie will sich ganz Gott weihen und bietet ihr Leben als Opfer für die Heilung ihres Bruders an. Ein an den Kreuzwegstationen entfaltetes Drama, das die destruktiven Aspekte des religiösen Fundamentalismus herausarbeitet. Zugleich eine Reflexion über angemessene Formen des Glaubens.

L’ENFANT (B/F 2005. Buch und Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne)

Der unaufdringlich und sensibel inszenierte Film schildert im Kern das Erwachen des moralischen Bewusstseins. Innerhalb weniger Wochen vollzieht Bruno eine radikale Kehrtwende: vom egozentrischen Drifter zu einem jungen Mann, der begreift, dass man für seine Haltung geradestehen muss.
 

LARS UND DIE FRAUEN (US 2007. Regie: Craig Gillespie)

Eine Komödie um das Verhältnis individueller Wirklichkeitskonstruktion und Realitätsverständnisses einer Gemeinschaft; die Geschichte der Menschwerdung eines jungen Mannes, der sich dank Toleranz und Liebe seiner Umgebung nach und nach von einer Puppe ab- und einem ‘real girl’ zuwendet.

LE PASSÉ (F/I 2013. Regie: Asghar Farhadi)

Ein Iraner kehrt nach Paris zurück, um die Ehe mit einer Französin aufzulösen. Ein Beziehungs- und Migrationsdrama, das von Übergangsphasen und Ablösung handelt. Ein sorgfältig inszenierter Film, der ein Netz von Beziehungen zwischen den Figuren spannt, in dem sich die Verhältnisse von Anziehung, Verwerfung, Vertrautheit und Befremden ständig abwechseln.   

LEB WOHL, MEINE KÖNIGIN! (F/E 2012. Regie: Benoît Jacquot)

Der Hof Ludwigs XVI. am Beginn der französischen Revolution als Bühne einer um sich selbst kreisenden Herrschaft, die sich in einem Prozess der Auflösung befindet. Als sehenswertes Gleichnis über die Verdrängung der Realität und Vergänglichkeit der Macht ist der Film von hoher Aktualität.

LIEBE (F/D/A 2012. Regie: Michael Haneke)

Ein außergewöhnlicher Liebesfilm, der auf intensive Weise an der Dramatik des Abschiednehmens angesichts von Verfall und Sterben teilhaben lässt. Kein Film über die Pflege, sondern über die Intimität der Liebe, ihre Belastbarkeit, ihre Grenzen und ihre Größe. Die Wohnung als einziger Ort macht die Einschränkungen sichtbar, denen das Alter unterliegt.

LIKE FATHER, LIKE SON (J 2013, Regie: Hirokazu Kore-eda)

Ein Architekt und seine Frau erfahren, dass ihr kleiner Sohn vor sechs Jahren bei der Geburt vertauscht wurde; ihr leibliches Kind wuchs im Haushalt eines chaotischen, gleichwohl liebevollen Elektrohändlers auf. Beide Elternpaare zögern zunächst, die Jungen auszutauschen. Anspruchsvolles, packendes Drama über Elternschaft und Familienbande.

LORNAS SCHWEIGEN (B/F/I/D 2008. Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne)

Wo alles zum Tauschgeschäft wird, da erinnert der Film an Zuneigung und Solidarität, die nirgends zu kaufen sind. Als Gleichnis über Geld und Schuld, Verantwortung und soziale Not weist er märchenhaft auf einen neuen Horizont, einen schützenden Raum, der neues Leben ermöglicht. Menschlichkeit wird sichtbar, die der »Allmacht der Ökonomie« entgegensteht.

LUCKY (USA 2017. Regie: John Carroll Lynch)

Kleine Erzählungen aus dem Leben eines alten Mannes in der Wüste von Arizona, die sich zu einem bewegenden Porträt eines Menschen verdichten, der es gelernt hat, mit der Einsamkeit umzugehen. Ein gänzlich unpathetischer, zu den Wurzeln der Existenz vordringender Film, in dem die Furcht vor dem Tod der gelassenen Akzeptanz täglicher Rituale weicht.

MARIA MAGDALENA (GB 2018. Regie: Garth Davis)

Erzählt wird die Geschichte der Maria Magdalena, die aus einer tiefen Gotteserfahrung heraus eine Berufung erlebt und als Zeugin Jesu die Botschaft der Auferstehung verbreitet. Der prominent besetzte Bibelfilm stellt eine der lange verdrängten Frauen aus dem Anhängerkreis Jesu in den Mittelpunkt und eröff-net so einen neuen Blick auf die damalige Lebens- und Glaubenswelt.

MEIN HERZ TANZT (ISR/D/F 2014. Regie: Eran Riklis)

Der hochbegabte Eyad wird als erster Palästinenser an einer Elite-Schule in Jerusalem angenommen. Durch ein Sozialprojekt kommt er mit dem schwerkranken Israeli Yonatan in Kontakt, der Eyad die Freundschaft anbietet. Emotionales Kino mit politischem Tiefgang, das von dem konfliktbeladenen Mit- und Nebeneinander von Juden und Arabern in Israel handelt.

MICHAEL KOHLHAAS (F/D 2013. Regie: Arnaud des Pallières)

Der Pferdehändler Michael Kohlhaas wird Opfer staatlicher Willkür und beginnt einen Feldzug gegen die Herrschenden. Heinrich von Kleists im 16. Jahrhundert angesiedelte Novelle verlegt Arnaud des Pallières in die karge Landschaft der Cevennen. Ihm gelingt eine zeitlose philosophische Reflexion über Gerechtigkeit, Unterdrückung und Widerstand.

MOOLAADÉ – BANN DER HOFFNUNG (SEN/F/M/TUN 2004. Regie: Ousmane Sembène)

Hommage an den Mut, Veränderungswillen und Witz afrikanischer Frauen, deren Solidarisierung eine Wende in dem von patriarchalischer Herrschaft gezeichneten Dorf herbeiführt. Ousmane Sambéne hat den Mut und den Gestaltungswillen, das hoch politisierte Thema der Mädchenbeschneidung aufzugreifen.

MOONLIGHT (US 2016. Regie: Barry Jenkins)

Der Afroamerikaner Chiron wächst in einer Sozialbausiedlung mit seiner
drogensüchtigen Mutter auf. Sexuell verunsichert und von den männlichen
Mitschülern drangsaliert, kämpft er um seinen Platz im Leben. Weit entfernt
von den erwartbaren Klischees entfaltet der Film auf drei Zeitebenen eine
ebenso glaubhafte wie berührende Geschichte vom Erwachsenwerden.

MR. MAY UND DAS FLÜSTERN DER EWIGKEIT (GB/I 2013. Regie: Uberto Pasolini)

Als Angestellter des Londoner Sozialamtes sucht Mr. May die Angehörigen von vereinsamt Verstorbenen und organisiert die Beerdigungen. Dann wird seine Abteilung aufgelöst. Ein letzter Fall bleibt ihm, um seinem eigenen Leben eine neue Richtung zu geben. Liebevolle, hervorragend gespielte Komödie, die dem Thema gesellschaftlicher Vereinsamung mit großer Einfühlsamkeit begegnet.

MUSTANG (F/D/TRK 2015. Regie: Deniz Gamze Ergüven)

Aus der Perspektive der jüngsten von fünf türkischen Schwestern zeigt der bemerkenswerte Debutfilm, wie das harmlose Herumtollen mit Jungs aus dem Dorf für die Mädchen zur Gefangenschaft im großmütterlichen Haus führt. Der Film demaskiert patriarchale Strukturen, in denen die Unversehrtheit des Jungfernhäutchens Garant für den guten Ruf der Familie ist.

¡NO! (Chile/F/USA 2012. Regie: Pablo Larraín)

Heiligt der Zweck die Mittel? Was vermögen die Medien? Chile kurz vor dem Ende der Diktatur Pinochets. Ein junger Marketing-Experte schlägt vor, den Menschen die Angst vor der Demokratie zu nehmen und Optimismus zu verbreiten. Ein dynamisches Drama, das klug Zeitgeschichte rekonstruiert.

PHILOMENA (GB/F/US 2013. Regie: Stephen Frears)

Eine Frau sucht ein halbes Jahrhundert, nachdem ihr in einem Kloster in Irland ihr uneheliches Baby weggenommen wurde, gemeinsam mit einem zynischen Journalisten ihren Sohn. Der Film ist eine ergreifende Mischung aus komischem Roadmovie, detektivischer Recherche und wütender Anklage. Geschickt balanciert die Inszenierung die unterschiedlichen Töne aus.

SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE (F/US 2007, Regie: Julian Schnabel)

Dem Film gelingt es, die Perspektive des in seinem Körper eingeschlossenen Kranken einzunehmen. Die Kamera erfindet Bildräume und ungewöhnliche Darstellungsmittel. Der Film ist eine Ermutigung zum Leben im Schatten der ständigen Gegenwart des Todes.

SCHWESTERN (D 2012. Regie: Anne Wild)

Die jüngste Tochter einer durch und durch weltlichen Familie tritt in einen Orden ein. Am Tag ihrer Einkleidung treffen sich alle Verwandten. Warmherzige menschliche Komödie über das Loslassen, unterhaltsam, charmant und nachdenklich erzählt. Dabei werden die Ereignisse visuell wie akustisch von der subtilen Kunst poetisch-stiller Chiffren getragen.

SEEFEUER (I/F 2016. Regie: Gianfranco Rosi)

Der Berlinalegewinner von 2016 zeigt mit ruhigem Blick ein Nebeneinander paralleler Welten im heutigen Lampedusa: Hier der beschauliche Alltag der Insulaner, dort die täglichen Tragödien der übers Meer Geflüchteten. Eine aufwühlende, dokumentarische Reflexion über Mitmenschlichkeit und Ignoranz, eine Metapher für Europa, erzählt aus der Perspektive eines 12-jährigen Einheimischen.

SELMA (US/GB 2014. Regie: Ava DuVernay)

1965 eskalieren in den USA die Rassenunruhen. Der Anführer der Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, konzentriert seine Bemühungen auf die Stadt Selma, wo die Segregation in vollem Umfang betrieben wird. Packendes Historiendrama, das die Bürgerrechtler als ausdifferenzierte Gruppe würdigt, getragen von der subtilen Interpretation des Hauptdarstellers.

SPOTLIGHT (US 2015. Regie: Tom McCarthy)

Hochkarätig besetztes Drama, das von der Aufdeckung einer systematischen Vertuschung sexueller Missbrauchsfälle durch katholische Priester erzählt. Mit der Konzentration auf die monatelangen Recherchen des investigativen ‘Spotlight’- Teams der Tageszeitung ‘Boston Globe’ im Jahr 2001 ist der Film nicht zuletzt eine Hommage an den klassischen Qualitätsjournalismus.

TAXI TEHERAN (IRN 2015. Regie: Jafar Panahi)

Ein DVD-Händler, zwei Damen mit Fischglas und ein vorlautes Mädchen sind nur einige Gäste, die der mit Berufsverbot belegte Regisseur Jafar Panahi in sein Taxi bittet. Bei der heimlich gefilmten Fahrt durch die iranische Hauptstadt entsteht so mit Witz und Courage ein vielschichtiges Gesellschaftsporträt, das auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

THE BROKEN CIRCLE (B/NL 2012. Regie: Felix Van Groeningen)

Eine Tätowiererin und ein Musiker verlieben sich, heiraten und fühlen sich wie im Paradies. Mit sechs Jahren erkrankt ihre Tochter tödlich. Der Film löst die Handlung in Rück- und Vorblenden auf und verbindet die Episoden zu einer Achterbahn der Gefühle. Dabei geht es um Fragen der Theodizee und wie Glück und Unglück aufeinander bezogen sind.

THE FALL (IND/GB/US 2006. Regie: Tarsem Singh)

Ein cineastischer Rausch, der die Zuschauer in Atem hält. Die grandiosen Landschaftsaufnahmen und Spielszenen verdichten sich zu einem Gemälde, das die Gefühle erfasst. Handlungsalternativen und neue Hoffnungen verdrängen am Ende auch jenen Hauch einer »Krankheit zum Tode«, der sich als zentraler existentieller Konflikt des Films offenbart.

THE SALESMAN (IRN 2016. Regie: Asghar Farhadi)

In seinem oscargekrönten Film zeigt sich Regisseur Asghar Farhadi wiederum als der diplomatische Dissident unter den iranischen Gegenwartsregisseuren. Seine Gesellschaftsparabel schildert die Erschütterung des Alltags eines Paares aus dem modernen Bildungsbürgertum, das sich nach einem Überfall entfremdet und massivem sozialen Druck ausgesetzt sieht.

THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI (USA 2017. Regie: Martin McDonagh)

Mit drei Werbetafeln fordert eine Frau die lokale Polizei auf, die Suche nach dem Mörder ihrer 17-jährigen Tochter wieder aufzunehmen. In starken Dialogengreift der schwarzhumorige Film Themen wie Polizeigewalt und Rassismus auf,ohne dabei zu moralisieren. Oscargewinnerin Frances McDormand brilliert indieser eigenwilligen, tragischen Komö

TIMBUKTU (F/Mauretanien 2014. Regie: Abderrahmane Sissako)

Eine Gruppe islamistischer Rebellen besetzt die Oasenstadt Timbuktu in Mali und verhängt ein fundamentalistisches Regelwerk. Anfangs nehmen die Einwohner die Dschihadisten nicht ernst, sondern führen ihr Leben wie gewohnt weiter. Getragen von starken Figuren fängt der lakonische Film meisterhaft die wachsende Erschöpfung eines vormals toleranten Gemeinwesens ein.

TONI ERDMANN (D/A/RUM 2016. Regie: Maren Ade)

Ein pensionierter Vater besucht seine beruflich erfolgreiche Tochter in Bukarest und lockt sie als verkleidete Kunstfigur „Toni Erdmann“ mit derben Späßen aus der Reserve. Mit Seitenhieben auf den postmodernen Kapitalismus und von großartigen Darstellern getragene Vater-Tochter-Geschichte, deren Tonwechsel zwischen Komik, Tragik und surrealen Momenten grandios gelingen.

UNSER TÄGLICH BROT (A/D 2005. Regie: Nikolaus Geyrhater)

Die Bitte des Vaterunsers »Unser täglich Brot gibt uns heute« wird neu gesehen und visuell kommentiert. Der Film schärft zudem den Blick für die industrielle Massenproduktion von Pflanzen und Tieren, den Rohstoffen der Nahrungsmittelindustrie.

VIER MINUTEN (D 2006. Regie: Chris Kraus)

Ein mitreißenden Drama, dessen sorgfältige Inszenierung und furiose Kameraarbeit ebenso überzeugen wie die großartigen Hauptdarstellerinnen. Ein filmisches Ereignis und ein gelungenes Plädoyer für die Chance, sich aus aufgezwungenen Mechanismen und persönlicher Verschlossenheit zu lösen.

VITUS (CH 2005. Regie: Fredi M. Murer)

Die Mutter möchte aus dem Wunderkind Vitus einen Pianisten machen. Doch mit ihren Erwartungen überfordert sie das Kind. Das Leitmotiv des Films lässt sich schlicht in einer Botschaft zusammenfassen: »Musik verleiht Flügel!«
 

WALTZ WITH BASHIR (ISR/F/D 2008. Regie: Ari Folman)

Kampfhandlungen, Albträume und Fluchtphantasien entfalten sich in einem wilden Strom von Illustrationen – Zeichnungen in rohem Strich, mit phantastischen Lichteffekten, in giftigen Farben. Diese Comic-Ästhetik verschafft dem Film die Freiheit, das innere Erleben sichtbar und den Schrecken der Massaker von 1982 in Sabra und Shatila spürbar zu machen.

YOUNG@HEART (GB 2007. Regie: Stephen Walker, Sally George)

Singen ist eine Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod. In diesem Dokumentarfilm erschließt der Regisseur eine berührende und ungewöhnliche Bühnenwelt. Bis 93 Jahre sind die Mitglieder des Chores »Young@Heart« alt. Sie präsentieren Songs von »The Clash« bis »Coldplay«, und sie überraschen mit Neuinterpretationen dieser und anderer bekannter Stücke.