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Der Filmtipp. Staffel 2019/2020

Die neue Staffel zeigt dieses Mal vor allem Filme, die von starken Persönlichkeiten erzählen, die unter schwierigen Bedingungen ihren Weg gehen und sich den damit verbundenen Entscheidungen und Konflikten stellen müssen. Die Schauplätze der Geschichten reichen dabei von Japan („Shoplifters“) über Island („Gegen den Strom“), den Libanon („Capernaum – Stadt der Hoffnung“) und Spanien („Fridas Sommer“) bis zum atlantischen Ozean vor der Küste Afrikas („Styx“) und in das Lausitzer Braunkohlerevier der Wendezeit vor dreißig Jahren („Gundermann“).

SHOPLIFTERS - FAMILIENBANDE (Japan 2018. Regie: Hirokazu Kore-eda)

Eine am Rande von Tokio wohnende Patchworkfamilie hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser. Trotz der räumlichen Enge nehmen sie auch noch ein vernachlässigtes Mädchen bei sich auf, das neben der warmherzigen Gemeinschaft allerdings bald auch die kleinkriminellen Handlungen der Gemeinschaft kennenlernt. Das mit meisterlicher Beiläufigkeit inszenierte, humorvolle Drama malt mit großer Einfühlsamkeit, aber ohne jeden Armutskitsch das Modell einer auf Zuneigung gründenden Familie aus, die gemeinsam den Härten des Daseins trotzt. Ohne zu moralisieren, sammelt der Film Impressionen eines gegenwärtigen Japan ein, in dem das Verhalten der Figuren kaum Alternativen zu haben scheint. Cannes-Gewinner 2018!
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GUNDERMANN (Deutschland 2018. Regie: Andreas Dresen)

Biografischer Film über das kurze und intensive Leben des Baggerfahrers und Liedermachers Gerhard »Gundi« Gundermann (1955-1998), der in seiner filmisch-musikalischen Form die charakterliche Komplexität des Künstlers ebenso vermittelt wie die Widersprüchlichkeit des Lebens in der DDR. Die achronologische, mitunter auch assoziative Dramaturgie will über den eigensinnigen Freigeist nicht urteilen, sondern sich von seiner inneren Zerrissenheit berühren lassen. Eine aus Alltagsbeobachtungen entwickelte, in der Hauptrolle kongenial interpretierte Annäherung an einen vielschichtigen Menschen in einem untergegangenen Land. Sechsfach mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet!
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DIE FRAU DES NOBELPREISTRÄGERS (Schweden/USA 2017. Regie: Björn Runge)

Ein US-amerikanischer Schriftsteller und seine Ehefrau reisen Anfang der 1990er-Jahre nach Stockholm, wo der Mann mit dem Literaturnobelpreis geehrt werden soll. Begleitet werden sie von ihrem Sohn, der ebenfalls ein Schriftsteller ist und unter seinem Vater leidet; doch auch unter den Eheleuten kriselt es seit längerem. Das bittersüße Drama über die Abgründe eines Künstlerpaars skizziert so packend wie präzise die Dynamik einer kreativen Verbindung, wobei der Film nicht nur die gesellschaftlichen Bedingungen Mitte des 20. Jahrhunderts, sondern auch die individuellen Charaktere als zentrale Faktoren ausmacht.
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GEGEN DEN STROM (Island 2018. Regie: Benedikt Erlingson)

Eine naturverbundene, eher unscheinbare Isländerin ist inkognito als knallharte Öko-Aktivistin unterwegs und sabotiert die expandierende Aluminiumindustrie durch gezielte Anschläge. Als ihr Antrag auf Adoption eines Kindes bewilligt wird, stellt sie ihre Guerilla-Aktionen in Frage. Die eigenwillige Tragikomödie porträtiert eine dickköpfige Protagonistin, die nicht länger tatenlos der Zerstörung des isländischen Hochlands zusehen will. Mit viel Witz und skurrilem Humor knüpft die Inszenierung an mythologische und filmhistorische Motive an und wandelt durch absurde Verfremdungen, einen gewagten Genre-Mix und die betörenden Bilder einer rauen Landschaft jenseits herkömmlicher Öko-Thriller-Routinen.

GIRL (Belgien/NL 2018. Regie: Lukas Dhont)

Ein 15-jähriges Transgender-Mädchen träumt davon, Ballerina zu werden und auch körperlich ganz eine Frau zu sein. Die langwierige Geschlechtsumwandlung, das harte Training an einer renommierten Tanzakademie und die normalen Wirren der Pubertät drohen seine Psyche jedoch immer mehr kollabieren zu lassen. In warmen Farben und weichen Texturen erzählt das hochenergetische Spielfilmdebüt ein berührendes, von der Arbeit und dem Leiden am (falschen) Körper begleitetes Innerlichkeitsdrama.

CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG (Libanon 2018. Regie: Nadine Labaki)

Dokumentarisch anmutender Spielfilm über einen zwölfjährigen Straßenjungen aus einem Armenviertel in Beirut, der bei einer geflüchteten Frau aus Äthiopien Unterschlupf findet und sich um deren Sohn kümmert. Als die Mutter verschwindet, ist er mit dem Kind auf sich gestellt. Mit großer Zugewandtheit, aber relativ nüchtern schildert das auf intensiven Recherchen beruhende Drama den ausweglosen Kampf ums Überleben. Der von einer großen Menschlichkeit getragene Film konfrontiert mit erschütterndem Elend, hält Sentimentalität wie Zynismus aber gleichermaßen auf Distanz. Ein ebenso bewegender wie kluger, weitgehend von Laienschauspielern grandios gespielter Film.

STYX (Deutschland 2018. Regie: Wolfgang Fischer)

Auf einem Segeltörn von Gibraltar Richtung Südatlantik trifft eine deutsche Ärztin mit ihrer Yacht auf ein havariertes Flüchtlingsschiff. Die alarmierte Seenothilfe fühlt sich jedoch so wenig verantwortlich wie ein Containerschiff. Das sich in der Folge abspielende menschliche Drama entspinnt sich als Thriller, der vor dem Hintergrund des offenen Meeres auf den europäischen Diskurs um die Seenotrettung afrikanischer Flüchtlinge zielt. Das drängende Thema wird kammerspielartig in einer Extremsituation verdichtet, zugleich weitet sich der Blick auf die grundlegende Ungleichheit im Verhältnis von Nord und Süd.

FRIDAS SOMMER (Spanien 2017. Regie: Carla Simón)

Nach dem Tod seiner Mutter wird ein sechsjähriges Mädchen von der Familie seines Onkels aufgenommen. Statt Barcelona erkundet sie nun die Umgebung auf dem Land, doch ihre unkontrollierbaren Launen stellen ihre neue Familie vor große Herausforderungen. Aus den Augen des Kindes erzählt das berührende Drama vom Weitermachen nach einer Katastrophe und kehrt das Seelenleben der Protagonistin behutsam nach außen. Der Film setzt mit großem Gewinn auf momenthafte Szenen, deren Spannungen nicht in allem aufgelöst werden, und räumt den kindlichen Darstellerinnen sensibel den nötigen Raum ein.

Ihre Ansprechpartnerin im Sekretariat

Bei Fragen zur aktuellen Staffel des Kirchen-und-Kino-Projekts sprechen Sie mich gerne an.

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Kerstin Grünwaldt
Tel.: 0511 1241-432

Filmbesprechungen sämtlicher Staffeln

Die Materialien aller bisher gezeigten Filme finden Sie unter dem Menüpunkt "Filmmaterialien". Die Liste wird laufend ergänzt. Viel Spaß beim Stöbern!