Der Filmtipp. Staffel 2020/2021

In der neuen Staffel werden wieder ausgesprochen gute Filme, z. T. regelrechte Highlights gezeigt - sie sind anspruchsvoll, inhaltlich und formal-künstlerisch absolut sehenswert; allerdings nicht gerade leicht - passend zu diesen schwierigen Zeiten.

 

SYSTEMSPRENGER (Deutschland 2019. Regie: Nora Fingscheidt)

Ein neunjähriges Mädchen verweigert sich radikal allen Verhaltensnormen und sorgt in allen pädagogischen Einrichtungen und Pflegefamilien für Wirbel. Hinter den Gewaltausbrüchen werden frühkindliche Traumata vermutet, doch die Helfer in allen Instanzen fühlen sich von der Aggression überfordert. Der sorgfältig recherchierte und in den Haupt- rollen überragend gespielte Film will weder anklagen noch urteilen, sondern wirbt mit großer Kraft um Verständnis für ein Kind, das mit extremen Ausbrüchen nach Halt und Geborgenheit sucht. Statt auf ein Sozialdrama setzt die Inszenierung auf die Anteilnahme der Zuschauer, die auch psychisch in das chaotische Erleben der Protagonistin involviert werden.
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ERDE (Österreich 2019. Regie: Nikolaus Geyrhalter)

Im Vergleich zu Wind, Wetter und Gezeiten werden Jahr für Jahr fast dreimal mehr Sand, Steine und Felsen durch die Maschinen der Menschen bewegt, die mit rabiater Gewalt den Planeten umgraben, ausbeuten, roden oder versiegeln. Mit schneidend scharfen Bildern protokolliert der Dokumentarfilmer Geyrhalter die Zerstörung der Erde, die rational kaum mehr gerechtfertigt werden kann. Auch die Interviews mit Arbeitern, Ingenieuren und Wissenschaftlern fördern eine fatale Resignation zu Tage, da weder der Einzelne noch die Gesellschaften dieser Dynamik einer sich verselbständigten Ausbeutung Einhalt gebieten können.
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SORRY WE MISSED YOU (GB 2019. Regie: Ken Loach)

Ein Arbeiter aus Newcastle fängt als selbstständiger Bote bei einem Paketservice an, während seine Frau, eine Altenpflegerin, zugunsten des erforderlichen Transporters auf ihr Auto verzichtet und fortan ihre Klienten mit dem Bus abfährt. Die Illusion unternehmerischer Freiheit zerbricht allerdings schnell an den unfairen und ausbeuterischen Bedingungen. Diese wirken sich bald auch auf seine gesamte Familie aus. Packendes und tief berührendes Drama über die Versprechen der neo- liberalen Arbeitswelt und die Folgen der Selbstausbeutung für die Betroffenen, das durch die Einfühlsamkeit seiner Figurenzeichnung die Erosion des Zusammenhalts in einer Familie erfahrbar macht.
 

EIN VERBORGENES LEBEN (Deutschland/USA 2019. Regie: Terrence Malick)

Anfang der 1940er-Jahre gerät der tiefgläubige oberösterreichische Bauer Franz Jägerstätter in einen Gewissenskonflikt, als er für die Nationalsozialisten in den Krieg ziehen soll. Trotz aller Anfeindungen in seinem Dorf verweigert er den Eid auf Hitler und wird 1943 wegen »Wehrkraftzersetzung« zum Tode verurteilt. Der US-amerikanische Filmemacher Terrence Malick eignet sich diesen historischen Stoff in seiner unverwechselbaren Weise an und verwebt ihn zu einem leisen und bewegenden Bekenntnis für eine Ethik des Widerstands und des reinen Gewissens.

GOTT EXISTIERT, IHR NAME IST PETRUNYA (Mazedonien 2019. Regie: Teona Strugar Mitevska)

Eine arbeitslose Historikerin aus der nordmazedonischen Stadt Stip gerät nach erniedrigenden Erfahrungen bei der Jobsuche in eine religiöse Prozession und lehnt sich spontan gegen die ehernen Regeln der Tradition auf, indem sie als erste Frau ein kleines Kruzifix aus einem eiskalten Fluss fischt, was ihr ein Jahr lang Glück bescheren soll. Die feministisch-burleske Passionsgeschichte nutzt die dadurch ausgelöste Welle der Empörung, um die frauenfeindlichen Strukturen zu demaskieren. Eine temporeiche Komödie, die ohne Bitterkeit, aber mit gebotener Schärfe die patriarchalen Effekte monotheistischer Religionen hinterfragt.

PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN (Frankreich 2019. Regie: Céline Sciamma)

Im 18. Jahrhundert wird eine Malerin beauftragt, auf einer bretonischen Insel das Porträt einer jungen Frau für deren zukünftigen Ehemann anzufertigen. Nach einer zögerlichen Anfangsphase kommen sich die beiden Frauen näher und beginnen in der Abgeschiedenheit des Anwesens eine Liebesbeziehung, der mit der absehbaren Fertigstellung des Porträts ein baldiges Ende bevorsteht. Der konzentriert und äußerst präzise inszenierte Liebesfilm reflektiert im historischen Rahmen gesellschaftliche Zwänge über diverse Perspektivwechsel, die über kleine meisterhafte Verschiebungen eine dezidiert weibliche Erfahrung abbilden. Die vielfältigen inneren Dramen der Figuren finden im nuancierten Spiel der Darstellerinnen eine bravouröse Umsetzung.

VERGIFTETE WAHRHEIT (USA 2019. Regie: Todd Haynes)

Basierend auf einem wahren Fall, der 1998 beginnt und sich bis in die Gegenwart erstreckt, erzählt der Film von einem Anwalt aus West- Virginia, der sich im Auftrag eines Farmers den Machenschaften eines Chemiekonzerns zuwendet. Jahrelang wurden kontaminierte Produktionsabfälle in einer Deponie entsorgt und somit das Trinkwasser verseucht. Krebserkrankungen bei Menschen und Tieren waren die Folge. Todd Haynes zeigt, was es seinem Protagonisten abverlangt, sich mit einem einflussreichen Unternehmen anzulegen. Der Film vermittelt fundiertes Wissen um einen Umweltskandal mit weltweiten Auswirkungen, ohne zu belehren.

BIS DANN MEIN SOHN (China 2019. Regie: Wang Xiaoshuai)

Wenige Jahre nach der Kulturrevolution ertrinkt der einzige Sohn eines chinesischen Ehepaars in einem Stausee. Die Tragödie ist das Epizentrum eines Dramas, das zwei befreundete Familien über mehrere Jahrzehnte begleitet und dabei insbesondere den Auswirkungen der Ein-Kind-Politik nach- spürt. Der Schmerz der Trauer wird dabei nicht chronologisch, sondern in weit verstreuten Splittern vergegenwärtigt, die sich in der meisterhaften Montage zu einer berührenden Erzählung von Zusammenhalt und Liebe fügen.

Ihre Ansprechpartnerin im Sekretariat

Bei Fragen zur aktuellen Staffel des Kirchen-und-Kino-Projekts sprechen Sie mich gerne an.

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Kerstin Grünwaldt
Tel.: 0511 1241-432

Filmbesprechungen sämtlicher Staffeln

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