Der Filmtipp. Staffel 2021/2022

Die neue Staffel von „Kirchen und Kino“ macht Hoffnung: Mit preisgekrönten Filmen, die in dieser Zeit die richtigen Fragen stellen, holen wir das Filmerlebnis von der Corona-Couch zurück auf die große Leinwand: Vom Oscar-Gewinner über den besten fremdsprachigen Film bis hin zu einigen Underdogs, die nun auch noch einmal im Kino ihre ganz eigene Intensität entfalten können, ist wieder ein spannendes Programm zustande gekommen.

Auch freuen wir uns sehr in diesem Jahr zwei weitere Spielorte begrüßen zu dürfen:
Der Kirchenkreis Nienburg und Sulingen beteiligen sich ab sofort an dem Projekt. Wir freuen uns sehr über die gemeinsame Kooperation mit dem Filmpalast Nienburg und dem Filmpalast Sulingen.
Wir wünschen einen guten Start in die neue Saison!

 

UNDINE (Deutschland 2020. Regie & Buch: Christian Petzold. Mit Paula Beer, Franz Rogowski, Maryam Zaare, Anne Ratte-Polle. 92 Min. Sehenswert ab 14)

Deutschland 2020. Regie & Buch: Christian Petzold. Mit Paula Beer, Franz Rogowski, Maryam Zaare, Anne Ratte-Polle. 92 Min. Sehenswert ab 14.
Die Stadthistorikerin Undine wird von ihrem Freund verlassen. Der Mythos will, dass sie den Mann, der sie verrät, tötet und danach ins Wasser zurückkehrt. Doch anders als die Sagenfigur entscheidet sich die Protagonistin für eine neue Liebe. Der Film modernisiert in der Nachfolge von Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“ den alten Mythos der Wasserfrau und rückt eine moderne Zwischenwelt ins Zentrum. Er erzählt auch mit Blick auf die Berliner Stadtgeschichte vom Ausstieg einer Frau aus der Wiederholungsschleife und verbindet auf anrührende Weise romantisches Märchen, Unterwasserabenteuerfilm und Gegenwartsrealismus.

YALDA (Frankreich /Deutschland 2019. Regie: Massoud Bakhshi. Mit Sadaf Asgari, Behnaz Jafari, Fereshte Sadre Orafaiy. 89 Min. Sehenswert ab 14)

Eine junge iranische Frau, die ihren viel älteren Ehemann erschlagen hat, wird zum Tode verurteilt. Sie erhält die Chance, am Yalda-Fest in einer Reality-TV-Show die Familie des Getöteten um Vergebung zu bitten und sich einem Zuschauervotum über Leben und Tod zu unterwerfen. Das kammerspielartige Drama begnügt sich nicht mit der Kritik an patriarchalen Machtstrukturen zwischen Eheleuten im Iran, sondern weitet den Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Zudem wirft der Film ein irritierendes Licht auf Soziale Medien, die sich bestens mit antidemokratischen Tendenzen und autoritären Systemen vertragen.

CORPUS CHRISTI ((OT: Boże Ciało) Polen 2019. Regie: Jan Komasa. Mit Bartosz Bielenia, Aleksandra Konieczna, Eliza Rycembel. 116 Min. Sehenswert ab 16)

Ein in der Haft bekehrter junger Mann wird nach Ostpolen aufs Land geschickt, wo er sich in einem Sägewerk bewähren soll. In dem fremden Dorf gibt er sich als Priester aus und übernimmt die Stelle des erkrankten Pfarrers, was sich als Glücksfall entpuppt, da er nach einem tragischen Unglück die aufgebrachte Atmosphäre mit unkonventionellen Mitteln zu befrieden versucht. Das mit kühler Sachlichkeit inszenierte Drama entwirft ein differenziertes Zeitbild der polnischen Gesellschaft, die mit moralisch-ethischen Herausforderungen ringt.

NIEMALS SELTEN MANCHMAL IMMER ((OT: Never Rarely Sometimes Always) USA 2019. Regie: Eliza Hittman. Mit Sidney Flanigan, Talia Ryder, Ryan Eggold, Sharon Van Etten. 101 Min. Sehenswert ab 14)

Eine 17-Jährige aus dem ländlichen Pennsylvania wird ungewollt schwanger und sieht schnell keine andere Option mehr als eine Abtreibung. Da dies in ihrer Heimat ohne Erlaubnis der Eltern nicht möglich ist, bricht sie heimlich mit ihrer Cousine nach New York auf, wo ihr Plan aber durch finanzielle und andere Fehleinschätzungen erschwert wird. In seiner Haltung unmissverständliches Drama, das die prüde Bigotterie einer rückwärtsgewandten Gesellschaft anklagt und männliche Grenzüberschreitungen als alltäglich vorführt. Dem harten Schicksal der jungen Frauen setzt der Film kleine Gesten der Anteilnahme entgegen, die zu ihrer wachsenden Selbstermächtigung beitragen.

DER RAUSCH ((OT: Druk). Dänemark 2020. Regie: Thomas Vinterberg. Mit Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Ranthe. 117 Min. Sehenswert ab 14)

Vier Lehrer an einer dänischen Schule lassen sich von der Idee eines natürlichen Alkoholdefizits anstecken und versuchen, ihre verbrauchte Lebensenergie mit Wein und anderen Aufputschmitteln anzufachen. Das geht zumindest anfangs auf, steigert sich aber schnell bis zum Delirium. Die schwarze Komödie seziert facettenreich die Bedingungen des Alkoholismus in Wohlstandsgesellschaften und wahrt dabei gleichermaßen Abstand zur sentimentalen Buddy-Komödie wie zum moralisierenden Drama. Eine glänzend inszenierte und gespielte Tragikomödie, die das Leben feiert und die sozialen und gesundheitlichen Gefahren des Alkohols zeigt.

ICH BIN DEIN MENSCH (Deutschland 2021 Regie: Maria Schrader. Mit Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Hans Löw, Wolfgang Hübsch. 105 Min. Sehenswert ab 14)

Eine ebenso intelligente wie sarkastische Archäologin aus Berlin wird ausgewählt, um drei Wochen lang mit einem humanoiden Roboter zusammenzuleben, der als ihr idealer Partner programmiert wurde. Sie soll beurteilen, ob Maschinenwesen künftig Bürgerrechte erhalten können. Mit einer sorgfältigen, auf kleinste Gesten, Blicke, Körperhaltungen und Sätze konzentrierten Inszenierung kreist der Film um die Frage, wo die Grenze zwischen Mensch und Maschine verläuft, und findet unerwartete Antworten. Ein ebenso stiller wie feinsinniger Science-Fiction-Film mit leisem Humor.

DAS NEUE EVANGELIUM ((OT: The New Gospel). Deutschland/ Schweiz/ Italien 2020. Regie & Buch: Milo Rau. 107 Min. Sehenswert ab 14)

Der Theatermacher Milo Rau inszeniert in der süditalienischen Stadt Matera, dem Schauplatz zahlreicher Jesusfilme und in unmittelbarer Nähe zu den von der Agrarmafia beherrschten Tomatenplantagen, das „Neue Evangelium“. Indem die Flüchtlinge aus Afrika in die Rollen von Jesus, seinen Aposteln und ihren Widersachern schlüpfen, entsteht eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem Wirken und der Botschaft Jesu, die deren Bedeutung auch für die heutige Zeit überzeugend hervorhebt. Eine anregende Mischung aus Passionsgeschichte und politaktivistischer Dokumentation, die aufs Konkrete gerichtet ist und deshalb politischen Signalen Vorrang vor einer differenzierteren Analyse gibt.

NOMADLAND (USA 2020. Regie: Chloé Zhao. Mit Frances McDormand, David Strathairn, Gay DeForest, Patricia Grier. 110 Min. Sehenswert ab 14)

Seit sie im Zuge des wirtschaftlichen Niedergangs ihrer Heimatstadt Wohnung und Existenzgrundlage verloren hat, driftet eine ältere Frau in ihrem Kleinbus durch die USA, immer auf der Suche nach Arbeit. Dabei begegnet sie anderen Menschen, die ihr Schicksal teilen und findet Anschluss an kurzzeitige Gemeinschaften mit modernen Nomaden, bevor sich ihre Wege wieder trennen. Das empathische, überwiegend mit Laien besetzte Frauenporträt lenkt den Blick auf sozial marginalisierte Menschen und lebt von der durch sorgfältige Recherche hergestellten Authentizität. Mitfühlend, aber nie sentimental, erforscht der Film die schwierigen Lebensumstände seiner Figuren und betont zugleich ihre Stärke und Würde.

Ihr Ansprechpartner

Bei Fragen zur aktuellen Staffel des Kirchen-und-Kino-Projekts sprechen Sie mich gerne an.

2020-phil-rieger
Phil Rieger
Tel.: 0511 1241-682 (montags)

Filmbesprechungen sämtlicher Staffeln

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